für ein Buch, das geschrieben worden wäre, um symbolischen Wert zu
haben! Der Kanon ist nichts als die erste Erscheinung des Christentums. Das
Christentum selbst liegt darüber hinaus: das heißt, vage Begriffe über ein
gescheitertes historisches Ereignis wurden von Männern herumgetragen, die dabei
beteiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fähigkeit nicht gehabt, eine
Begebenheit zu verstehen, welche mit sich selbst in Widersprüchen lag; sie
konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende
Persönlichkeit wie die ihres Lehrers auf sie ausübte: sie glaubten seinen
dreisten Behauptungen, dass er der Messias wäre, und fanden bei der Verbreitung
dieser Ansicht darin eine Unterstützung, dass Jesus seine baldige Wiederkunft
versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Truggewebe von Wundern,
subjektiven, die Jesus verrichtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen
wären. Die Apostel übersahn, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche eher
auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schließen lassen (ich erinnere nur
an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches), das göttliche Gepräge ihrer
Erzählungen verwischte. Ja, sie wussten nicht einmal, wieviel sie moralisch
wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prüfung anzunehmen. Denn das
Altertum war überall auf das Außerordentliche hin gerichtet und konnte sich
keine große Begebenheit ohne Abweichungen von dem natürlichen Laufe der Dinge
erklären. Auffallend bleibt es indessen, dass die Apostel selbst im Neuen
Testamente so wenig scharf und präzis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten,
dass erst andere meist ein Amt übernahmen, was ihnen vor allen zukam. Hätten sie
wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klänge dies Stillschweigen fast wie
böses Gewissen. Hierüber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, dass
die Apostel Menschen von borniertem Verstande waren, dass sie überhaupt viel
Ähnlichkeit mit unsern Theologen hatten und dass es zuletzt nicht ohne typische
Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel
standen.
Diejenigen unter den Anhängern Jesu, welche, ich sage nicht, logische
Schlüsse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z.B. der von den
Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus, befolgten
in der Stiftung einer neuen Sekte den dreisten Gang, dass sie in Jesu nur die
Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom
Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der
Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine übermütige Exegese,
welche die Stellen des Alten Testamentes in einem sträflich verkehrten Sinne auf
Jesus bezog, musste ihre Absichten unterstützen. Jesus wurde ein Wundertäter, und
er machte als solcher unter den Heiden ein Glück, das Apollonius von Tyana auch
gehabt hätte, wäre ihm der Jude Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die
geringe Philosophie, die