nähert
sich dem Meister.
Aber die Menschen vermögen nicht leicht aus dem Bekannten das Unbekannte zu
entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand ebensolche Künste wie die
Natur treibt.
Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur,
was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.
Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich, sprechend und
stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt,
widerspricht sich öfters.
Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, über
was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Götter geordnet.
Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag recht oder
unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist immer am Platz, recht oder
unrecht.
Ich aber will zeigen, dass die bekannten Künste der Menschen natürlichen
Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim vorgehen.
Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennet aus dem Offenbaren das
Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige,
und den Sinn des Sinnlosen.
So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und der
Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie nach seiner
Weise nach.
Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht, so wird aus
etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die
deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem
Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen.
Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen, und doch ist
auch das bloß Lebende verständig. So weiß der Magen recht gut, wenn er hungert
und durstet.
So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide sind dem
Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber erscheinen sie bald so, bald
so.
In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anbläst und dem
Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlägt
man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er
wieder stark. Das widerfährt auch dem Menschen von seinem Lehrer.
Da wir überzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle Welt beschaut und
des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, auch wohl ihren Vater, der über
allen Sinn erhaben ist, bemerken könne, so versuchen wir denn nach Kräften
einzusehen und für uns selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich
machen lässt -, auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt
anzuschauen vermögen.
Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt, deren eine
roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber