wieder unterkommt.«
»Ich müsste sehr irren,« sagte Eduard lächelnd, »oder es steckt eine kleine
Tücke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende bin ich in
deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsäure, ergriffen,
deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktären Gips verwandelt
wird.«
»Wenn das Gewissen«, versetzte Charlotte, »dich solche Betrachtungen machen
heißt, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind artig und
unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten! Aber der Mensch ist
doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht, und wenn er hier mit den
schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut er
wohl, wieder in sich selbst zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei
diesem Anlass recht zu bedenken. Mir sind leider Fälle genug bekannt, wo eine
innige, unauflöslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche
Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schön verbundenen ins
lose Weite hinausgetrieben ward.«
»Da sind die Chemiker viel galanter,« sagte Eduard; »sie gesellen ein
viertes dazu, damit keines leer ausgehe.«
»Jawohl!« versetzte der Hauptmann; »diese Fälle sind allerdings die
bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses
Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam übers Kreuz wirklich darstellen kann, wo
vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre
bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem
Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich
eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und
Wählen zu und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen
gerechtfertigt.«
»Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!« sagte Charlotte.
»Man sollte dergleichen«, versetzte der Hauptmann, »nicht mit Worten abtun.
Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen kann, wird alles
anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt müsste ich Sie mit schrecklichen
Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine Vorstellung gäben. Man muss diese tot
scheinenden und doch zur Tätigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor
seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich
anziehen, ergreifen, zerstören, verschlingen, aufzehren und sodann aus der
innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt
hervortreten: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und
Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genügend fühlen, sie recht zu
beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlänglich, sie zu fassen.«
»Ich leugne nicht,« sagte Eduard, »dass die seltsamen Kunstwörter demjenigen,
der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe