oder ihrer ersten Schüler Mund, aufgezeichnet von
Entfernteren, selten von Zeitgenossen, oder Augenzeugen. Die Christen besitzen
doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Sprüche, Lehren, Taten und
Meinungen ihres Meisters, seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod.
Wenn wir dem Zeugnisse der Geschichte überhaupt Glauben beimessen, so müssen wir
es auch diesen einfachen Erzählungen anspruchloser Menschen, denen es an
Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag, als zur listigern Einkleidung
gebrach. Hätten sie zu täuschen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner
würden weniger einzuwenden haben, und das geflissentlich künstliche Gebäude
weniger Blössen geben. Dass sie es nicht taten, dass der grübelnde Verstand
Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden weiß, was er
haarscharf sichten, und zergliedern will - das bürgt mir für ihre Wahrheit. Die
Jünger sahen ihren göttlichen Lehrer handeln, leiden, sterben, und wie sich
diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte,
wie die Erzählungen jener Begebenheiten, wovon sie nicht selbst Zeugen waren,
mit den gewöhnlichen kleinen Veränderungen Jedem erzählt, und von ihm aufgefasst
wurden: so zeichnete sie Jeder, unbekümmert um das Urteil der Nachwelt und die
scharfe Kritik späterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er
vorstand.
Über die Wunder kann ich dir nichts sagen. Manche lassen sich natürlich
erklären, bei andern, so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des
Stifters, steht unser Verstand still. Wir können es nicht begreifen - aber
müssen wir es denn begreifen? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der
physischen und moralischen Welt vor, wir fühlen ihre Wirkung, aber wir begreifen
ihre Entstehung nicht. Mit fruchtloser Mühe zerarbeitet sich der menschliche
Witz, diese Beobachtung unter Regeln und in Hypotesen zu bringen - und wie
spottet die Größe und Erhabenheit der Natur dieser armen Abteilungen,
Unterabteilungen und spitzfindigen Erklärungen durch die geheimnisvolle Art,
wie sie ihre Gesetze befolgt, dass alle Augenblicke Lücken und Blössen in den
künstlich errichteten Systemen entstehen? Werden wir weniger an das Dasein des
Windes, des Donners, der Erderschütterungen glauben, weil wir nicht wissen,
woher sie kommen? Werden wir weniger Maßregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre
Natur unbekannt ist? Gewiss nicht. Auf unser Verhalten wird der Zweifel, in dem
sie uns lassen, keinen Einfluss haben. Eben so verfährt der redliche Christ. Das,
was für unser Leben anwendbar ist, was uns besser, edler macht, was den Frieden
in uns erzeugt, das ist's, was wir annehmen und befolgen müssen. Das sind die
segensreichen Wirkungen dieser Lehre - das Übrige ergreift der kindliche
Glaube, ohne sich um seine Ergründung zu bekümmern.
Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe über die christliche Moral
geschrieben. Ich