eine Weltanschauung bauen?
Eine Weltanschauung? - Meine Weltanschauung ist mein guter Marsch, mein
gutes Fechten und waghalsiges Segeln und diese holde Dame hier.
Das ist eine schimmernde Verbohrteit, mit Ihrer Erlaubnis ein glänzender
Mist.
Und damit denken Sie mich wohl geschlagen zu haben? Eine Verbohrteit - die
könnte diese »Weltanschauung« doch höchstens in Ihrem Gedankenreich sein; was
wissen Sie denn, ob sie nicht die notwendige Schlussfolge des meinen ist? Wie
kann man eine Weltanschauung überhaupt objektiv beurteilen? haben Sie einen
Maßstab, eine allgemein gültige Norm für sie? ist nicht jede für ihren Besitzer
zweckvoll, vollkommen und wahr? Meine Verbohrteit hat soviel
Existenzberechtigung und ist so fern vom Absoluten wie Ihre Wahrheit;
gleichzeitig ist sie aber auch ebenso ein Ausfluss und eine Erscheinung des
Unzugänglichen und ebenso wirklich, ebenso wahr und wertvoll und ebenso
fliegennichtig und sinnlos wie jene. Nur für die Unteroffiziere kommt es auf die
Dauerhaftigkeit an, und da ist allerdings die Wahrheit, das heißt die
verbreitetste geistige Reaktion gegen das Leben, älter und dauerhafter.
Aber Liebling!
Ach! ich ärgere mich, wenn ich überall und stets und allerorts unseren Kopf
gelobt sehe auf Kosten unseres Unterleibes, den jungen Trieb auf Kosten des
uralten Stammes, die Gefahr auf Kosten der Sicherheit, das schillernde Schweifen
und ratlose Vagabondieren auf Kosten der Ruhe, die geniale Krankheit auf Kosten
der philiströsen Gesundheit. Nein, der Geist ist nie Zweck, ist immer Mittel und
Organ, und so soll es sein. Zweck ist stets unser Leib; wird aber jener zum
Zweck, so ist die Disharmonie und Krankheit da. »Ein Dieb ist der Gedanke am
Leben«; genießen sollen wir die Schönheit des Lebens, aber nicht über sie
denken, und erst recht nicht über sie denken, um dann über dieses Denken wieder
zu denken. O du Welle, die nur lebt, um am Felsen zu zerschellen!
Ich hatte Sie immer für einen extremen Idealisten, in Ihren verrückten
Stunden, die wir ja alle haben, für einen Solipsisten gehalten, und nun - -
Praktische Philosophie, mein Lieber. Merken Sie denn nicht, dass ich mich für
drei Wochen Lagerleben trainiere? Und merken Sie denn nicht, dass ich - süßer
Zucker gesagt habe? Denn wann wäre eine Philosophie nicht »praktisch« gewesen?
Sie ist im letzten Grunde doch nichts als eine Trösterin und Berauscherin, mag
sie die Erde zu einem Jammertal und das Leben zu einer verneinenswürdigen
Objektivation eines blinden Willens machen oder die Welt, so wie sie ist, zur
bestmöglichen aller möglichen Welten erklären. Sie rangiert nicht viel höher als
Venus und Bacchus und seine spirituösen Untergötter. - Aber wollen Sie wissen,
mit welchen geistigen Taschenspielerkunststücken und grotesken Sophismen ich mir
meinen philosophischen Haustrank braute