Gesandtschaftsstrasse. Und sogleich wollte es ihm scheinen, als müsse, inmitten all der aussergewöhnlichen Zustände, noch ein ganz besonderes, unheilvolles Geschehnis hinzugekommen sein. Irgend etwas Entsetzliches lag in der Luft, spiegelte sich auf den Mienen der wenigen, die ihm da zuerst wie verstört begegneten. Und dann ward ihm der Grund von irgend jemand zugeraunt, bang und flüsternd, als getraue man sich kaum, das Furchtbare laut zu erwähnen: »Soeben ist die Nachricht gekommen, dass einer der Ta-jens ermordet worden ist!« Dann setzte eine andere, schon lautere Stimme hinzu: »Er war auf dem Weg zum Tsungli-Yamen - er wollte dort einen letzten Versuch machen, zur Vernunft zu überreden - in der Sänfte ist er erschossen worden!« Und ein Dritter erzählte: »Sein Vorreiter brachte die Nachricht zurück - Soldaten seiner Gesandtschaft sind gleich hin - aber sie haben nichts gefunden -, die Leiche, die Sänfte, die Träger, alles schon verschwunden -, und der Boden zerwühlt -, um die Spuren zu verwischen -, und die weite Straße leer - ganz leer.« So lief die Kunde weiter. Und nun sah man schon allerwärts Gesichter mit diesem selben Ausdruck verstörten Entsetzens. - Dann nach der ersten Erstarrung begann sich jenes Mitleid zu regen, das halb aus persönlicher Apprehension besteht. Und alsobald hörte man auch schon wieder überall die oft vernommene angstvolle Frage: »Was denn nun etwa zu tun sei?« Eine Frage, die seit Monden durch jedes der vielen unvorhergesehenen Ereignisse von neuem hervorgerufen wurde, und auf die heute so wenig wie an all den vorhergehenden Tagen der Unschlüssigkeit und Verblendung irgend jemand eine Antwort wusste. - Die ganze Furchtbarkeit der Lage schien allen indessen erst jetzt zum vollen Bewusstsein gekommen zu sein. Anklagen vernahm man und heftige Auseinandersetzungen darüber, wessen besondere Schuld dies alles denn sei - wo es doch die Schuld eines jeden war, der aus irgendwelchen Interessen geglaubt, ein System ungestraft stützen zu dürfen, das in einem Prinzen Tuan und dessen Boxerhorden seine höchste Krönung finden sollte. Inmitten der allgemeinen Verwirrung war aber dann wenigstens der Gedanke einer Auswanderung nach Tientsin endgültig aufgegeben worden, denn was dem langgedehnten, hilflosen Zug der Abreisenden bevorgestanden hätte, war ja nun durch dieses letzte Vorkommnis klar erwiesen. - Aber in der Gesandtschaftsstrasse herrschte trotzdem bald ein Hin und Her von Menschen, ein beständiges Schleppen von allerhand Dingen, Vorräten und Betten, Kleidern und Wäsche, wie für einen allgemeinen Umzug. Denn plötzlich war beschlossen worden, dass sämtliche Taitais und Kinder sofort in diejenige Gesandtschaft übersiedeln sollten, die, als größte und gesichertste, zur allgemeinen Zufluchtsstätte - wenn nötig, zum letzten Verteidigungsbollwerk - ausersehen worden war. Tschun sah Transporte, die, inmitten