mich
in diesen Malaien irrte, die ich bisher für geradezu dumm, für bildungsunfähig
gehalten habe!«
»Dumm?« fragte ich. »Ich sage Euch, dass sie sogar Bücher über die Seerechte
besitzen, welche bis achthundert Jahre zurück in die Vergangenheit greifen! Das
ist eine rechtliche, eine juridisch geschichtliche Materie, also Prosa. Was die
Kunstleistung, also die Poesie betrifft, so steht sie hinter der Prosa
keineswegs zurück. Es gibt da berühmte Werke, welche sogar in abendländische
Sprachen übersetzt worden sind. Eigentümlich ist, welche Worte der Malaie für
Prosa und Poesie besitzt. Im Umgange unterscheidet er sehr streng zwischen der
vertraulichen und der höflichen Rede. Die vertrauliche oder duzende heißt Ngoko
und die höfliche Krama. Die Prosa ist Ngoko und die Poesie Krama. Nur bei den
erzählenden oder beschreibenden Stellen darf die Poesie sich der duzenden
Redeweise bedienen.«
»Sonderbar! Mir kommt das so allerliebst, so kindlich naiv, so natürlich
vor! Im Gegensatze zu unsern tausend Regeln, welche die Pedanten den Dichtern
wie Daumenschrauben anlegen, sobald einer der Letzteren die Feder in die Hand
genommen hat! Und das ist das Zweite, was ich meinte, als ich vorhin erstens
sagte: Nämlich die Malaien haben also auch ihre Literatur, ihre Wissenschaft,
ihre Kunst und Poesie. Aber selbst, wenn sie das nicht hätten, würde ich doch
fragen, ob dieser Mangel sie unbedingt hindern müsste, edel zu denken und edel zu
handeln! Ist etwa jeder Gebildete ein edler und jeder Ungebildete ein unedler
Mensch? Ich meine, das, was wir edel nennen, wächst weniger aus dem Wust von
Kenntnissen als vielmehr aus der Einfachheit des Herzens heraus. Wenn das nicht
falsch ist, so kann der malajische Sundainsulaner wenigstens ebenso leicht ein
guter, wohlmeinender Mensch sein wie der hochgelehrte Misantrop in London,
Paris, Berlin oder Wien, der sich von der wahren, kindlich einfachen
Menschlichkeit so unendlich weit fortgedüftelt hat, dass sie für ihn überhaupt
nicht mehr vorhanden ist. Ich war gar nicht allzu weit davon entfernt, auch so
ein Mis - - - zu werden, glücklicher Weise aber hat mich das Ich bin Sejjid
Omar! des Arabers beim Arm gepackt und wieder nach der richtigen Seite
herumgezogen! Sagt, wie wird die Krankheit Wallers genannt? War es nicht
Dysenterie?«
»Ja,« nickte Rafflei.
»Well! Ich litt auch daran, wenn auch nicht mein äußerer, so doch mein
anderer Körper, der eigentliche Mensch in mir! Den hatte man vernachlässigt, ihn
mit unreifem, aber wohl überzuckertem Obst gefüttert und ihm dadurch die Kraft
benommen, den Erregern dieser Krankheit zu widerstehen. Ich trat in das
öffentliche Leben und stieg von Stufe zu Stufe. Bei jedem Schritt