kunstsinnigen Töchter auf ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine
eigene Physiognomie, viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der
Erinnerung, wie eine ausgeprägte Persönlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in
diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln - das ist in
New York an sich schon eine Merkwürdigkeit.
Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer
anderen amerikanischen Welt - und beide Häuser liegen doch nur ein paar Blocks
von einander entfernt! Wir hören aber so viel von der amerikanischen Gleichheit
reden, davon, dass der Präsident aller Welt die Hände schüttelt, dass wir leicht
auf den Gedanken kommen könnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige
gleiche Brühsuppe, aus der, als Klösse, nur etliche Vanderbilts herausragen.
Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose
verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind. Es sind ja
alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam
haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z.B. ist
ein Unterschied, wie zwischen einem rohen Stück Rindfleisch und einem im Café
Anglais servierten Tournedos à la Rossini. Und die Tournedos achten strengstens
darauf, dass niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im
Sinn für aristokratische Exklusivität, haben die Amerikaner uns Europäer
vielleicht schon überflügelt. Ein jeder, der etwas auf sich hält, muss hier in
der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein, weil die Amerikaner
niemand haben, der die nötige erhabene Stellung einnimmt, um einem anderen den
allgemein gültigen sozialen Segen erteilen zu können. Ich hörte kürzlich eine
Amerikanerin sagen, das sei in europäischen Städten, wo es Höfe gibt, so bequem,
da könne man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen
Hofgesellschaften befohlen würden (nicht etwa zu den großen Aufwaschefesten, da
liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf der kleinen Liste ständen,
könne man mit Sicherheit annehmen, dass sie sozial wünschenswert seien. Aber in
Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb.
Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe da
angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gäste waren alle reich. Ich habe
aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt, dass sie vieles als durchaus
selbstverständlich ansahen, von dem ich weiß, wie schrecklich teuer es hier
ist. Keiner von ihnen erwähnte Geld oder Geschäfte. Ich glaube, man könnte ihren
»set« den der Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den
Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten, übergeknöpften Manschetten
und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.
Ich saß bei Tisch neben einem Mr. Anstruter, der zum Klub