ihren Gefangenen betrachten dürfen.«
»Es ist in Wirklichkeit ja gar nicht dazu gekommen, dass man ihn als solchen
behandelt hat.«
»Aber man hätte es sehr leicht tun können! Man war ja berechtigt, ihn
sofort zu töten, und da er keine anderen Waffen als sein Messer besaß, hätte er
sich gar nicht dagegen wehren können.«
»So schnell geht das nicht!«
»In der Regel nicht. Jedem Blutgerichte pflegt eine Verhandlung
vorauszugehen. Aber du weißt ja ebenso gut wie ich, dass es keine Regel gibt,
die nicht ihre Ausnahmen hat. Du hast Kara gelobt, und ich stimme in dieses Lob
so gern mit ein; dabei aber habe ich seine allzu große Kühnheit zu tadeln, ohne
zu berücksichtigen, ob du dich an diesem Tadel beteiligst oder nicht. Er musste
unbedingt verschweigen, dass er jetzt zu den Dschamikun gehört.«
»Das hätte, wie er ja selbst ganz richtig gesagt hat, ihn zu Lügen führen
müssen.«
»Lügen! Gibt es nicht Notlügen?«
»Für mich nicht.«
»Freilich gibt es die. Man wird durch die Not dazu getrieben, und darum
sind sie erlaubt!«
»So sagt man. Aber grad dass es Notlügen gebe, das ist die größte aller
Lügen. Ich nenne sie anders.«
»Wie?«
»Feigheitslügen! Es ist gar nicht schwer, sich bei jeder Lüge, die man
macht, einen zwingenden Grund zu denken, den man dann als Not bezeichnet. Aber
nicht diese größere oder geringere Not ist es, welche zu der Lüge zwingt,
sondern die Feigheit, mit welcher man vor ihr die Flucht ergreift, verhindert
den furchtsamen Menschen, die Wahrheit offen zu bekennen. Es gibt keine Not,
und wäre es sogar der Tod, die so groß wäre, dass die Folgen der Notlüge nicht
noch weit über sie hinauswachsen könnten. Das hat unser Kara trotz seiner Jugend
eingesehen, und darum ist es zwar sehr tapfer, aber noch vielmehr klug von ihm,
dass er sich so fest vorgenommen hat, niemals, und würde er auch noch so sehr zu
ihr gedrängt, eine Lüge zu sagen.«
»Aber wenn er sich nun durch sie das Leben retten kann? Sein Leben gehört
doch nicht ihm allein, sondern auch mir und seinem Vater und uns allen. Er hat
alles, alles zu tun, um es sich und uns zu erhalten!«
»Gibt es irgend eine Lüge, von der er ganz bestimmt voraussagen könnte, dass
sie es ihm retten werde?«
»Da fragst du mich zu viel, Effendi. Es ist ja bei jeder Lüge möglich, dass
sie sofort erkannt und durchschaut wird.«
»