der Stattalter von Mekka und oberster Hüter der Kaaba
und sämtlicher Heiligtümer und bekommt jährlich vom Sultan reiche Geschenke
geschickt. Das Scherifat ist eigentlich nur eine geistliche Auszeichnung oder
Würde, und ein Scherif soll durch seine direkte Abstammung von Muhammed nicht
weltliche Vorteile genießen, aber in der muhammedanischen Welt dominieren in
jeder Beziehung die geistlichen Verhältnisse, und so glauben auch die Eschraf
das Recht zu haben, in Beziehung auf die materiellen Güter ebenso wie in
geistlicher Hinsicht den Nichtabkömmlingen des Propheten weit voranzustehen.
Diesen Standpunkt nimmt besonders der Grossscherif, der Scherif el Eschraf44 ein.
Er dünkt sich, nicht niedriger zu stehen als der Sultan, der doch der Kalif,
also der Oberhirt und Beherrscher aller Gläubigen ist, und die Geschichte hat
schon wiederholt Beispiele davon gebracht, dass der Herr der Kaaba gar wohl im
stande ist, dem Padischah die Faust zu zeigen, zumal der Weg von Stambul nach
Mekka ein weiter ist und es also seine Schwierigkeiten hat, die Zügel zwischen
dort und hier so straff zu halten, wie es eigentlich geschehen sollte. Den
Millionen muhammedanischer Pilger, welche nach Mekka und Medina kommen,
erscheint der Grossscherif näher als der von den Heiligtümern so ferne Sultan,
und so ist es nicht zu verwundern, dass sie glauben, mehr unter der Macht und dem
Einflusse des ersteren als des letzteren zu stehen.
Dies also ist über den Grossscherif zu sagen, dessen Liebling sich el Ghani
genannt hatte. Obwohl ich nun annahm, dass diese Bezeichnung auch in der
bekannten orientalischen Übertreibung gebraucht worden war, so musste etwas
Wahres doch daran sein. Er stand in irgend einer Beziehung zu dem Beherrscher
derjenigen Orte, welche ich besuchen wollte, obgleich mir dies als Christen bei
Todesstrafe verboten war, und konnte mir bei jeder ihm beliebigen Gelegenheit
Fallstricke legen, denen trotz aller Vorsicht, aller Klugheit und auch allen
Mutes nicht zu entgehen war. Und das hatte ich dann der Unüberlegteit Halefs zu
verdanken, dessen heissgeliebte Peitsche in Bewegung gesetzt worden war, obgleich
der grüne Turban, den El Ghani trug, bewiesen hatte, dass er auch zu den
Abkömmlingen Muhammeds gehörte, deren Beleidigung zehnfach gefährlicher als jede
andere ist. Mit der sehr kräftigen, aber doch bloß wörtlichen Zurückweisung der
Arroganz des Mekkaners durch den Hadschi war ich vollständig einverstanden
gewesen, weil dies kein unberechtigter, zur Rache herausfordernder Angriff,
sondern eine sehr berechtigte Abwehr gewesen war; aber Prügel, mit der Peitsche,
einem Araber, welcher die Würde eines Scherif bekleidete, das war eine
Übereilung, mit welcher ich unmöglich einverstanden sein konnte. Ich nahm daher
die Gelegenheit wahr, dem Hadschi zu folgen als er vor dem Schlafengehen noch
einmal nach seinem Pferde sah. Da waren wir allein. Mein ununterbrochenes
Schweigen hatte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt. Er