Mag es nun das eine oder das andere sein, so will ich zunächst meine Seele von der Last erleichtern, welche sich an der Wage der Gerechtigkeit mit zermalmender Schwere auf sie gelegt hat!« Er bat um Wasser, trank, als es ihm gegeben wurde, einen Schluck und sprach dann weiter: »Der Münedschi scheint eine wirkliche Wage gesehen zu haben. Vielleicht haben bei ihm an jenem Abende die seelisch gemeinten Gegenstände eine körperliche Gestalt angenommen. Ich habe keine wirkliche Wage, kein Werkzeug zum Wiegen gesehen, aber dennoch und dennoch war diese Wage da. Hast du, Effendi, schon einmal gehört, dass in der Todesstunde das ganze, ganze Leben des Sterbenden, sogar mit allem, was er längst vergessen hat, an ihm vorüberziehe?« »Ja. Das hat man mir schon öfters behauptet.« »Diese Behauptung ist wahr, ganz entsetzlich wahr! Als ich an die Wage der Gerechtigkeit dachte, stand ich sofort vor ihr. Ich wusste, dass sie es war, sah sie aber nicht. Ich wusste auch, dass viele, viele Seelen sich bei mir befanden, konnte sie aber weder sehen noch hören, denn meine Seele hatte nur mit sich selbst zu tun. Ihr Denken, Fühlen und Tun war mit ihr eins, war sie selbst. Außer ihr gab es nichts, als sie selbst und ihr vergangenes Leben. Und dieses Leben war doch auch wieder nur sie selbst. Es lag nicht außerhalb von ihr, nicht in der Vergangenheit, sondern sie war das Produkt und zugleich der Inbegriff alles dessen, was sie getan, gedacht und empfunden hatte, so wie zum Beispiel das Meer das Ergebnis und zugleich die Summe all der unzähligen Tropfen ist, welche hineingeflossen sind. Ebenso war meine Seele. Die Quellen, Rinnsale, Bäche, Flüsschen, Flüsse und Ströme, das waren die Stunden, Tage, Wochen und Jahre meines Lebens. Das Wasser in ihnen, das waren die der Prüfung entgegenfliessenden, zahllosen Tropfen meiner Regungen, Entschlüsse und Ausführungen, und das große Meer selbst war meine Seele, in welcher jeder einzelne dieser Tropfen lebte und sich geltend machte. Es fehlte nichts, kein einziger von ihnen allen. So war ich selbst dieses Meer, diese Seele; ich selbst bestand aus allen diesen Tropfen, für welche es kein Maß und keine Ziffer gibt, und doch erkannte ich sie alle, alle, alle! Dieses Erkennen geschah nicht mit dem Auge, dem Ohre, dem Gefühle, nicht mit irgend einem Sinne, denn ich stand ja nicht außerhalb mir selbst, und doch wusste ich alles, und doch begriff ich alles, denn ich war ja dieses Alles selbst. Ich kann euch das nicht sagen, nicht beschreiben;