- - - - - - - - - - - - - - »Es ist beschlossen; wenn ich aus diesem
Feldzug zurückkehre, so verlasse ich den Dienst. Alles Andere
hintangesetzt - wenn man einmal eine Sache mit einem solchen Abscheu zu
erfassen gelernt hat, wie der Krieg mir nunmehr einflößt, so wäre es
unausgesetzte Lüge, im Dienst dieser Sache zu verharren. Ehedem bin ich,
wie Du weißt, auch schon mit Widerwillen und mit verdammendem Urteil in
die Schlacht gezogen, aber erst jetzt hat sich dieser Widerwille so
gesteigert, diese Verurteilung so verschärft, dass alle Gründe, welche
mich früher bestimmten bei meinem Berufe auszuharren, aufgehört haben,
zu wirken. Die Gesinnungen, welche aus dem Jugendunterricht, vielleicht
auch teilweise angeerbt - in meinem Innern noch zu Gunsten des
Soldatentums sprachen, sind mir jetzt, während der zuletzt erlebten
Greuel ganz verloren gegangen. Ich weiß nicht, sind es die mit Dir
gemeinschaftlich gemachten Lektüren, aus welchen hervorging, dass meine
Kriegsverachtung nicht vereinzelt ist, sondern von den besten Geistern
der Zeit geteilt wird; sind es die mit Dir geführten Gespräche, in
welchen ich mich durch Aussprache meiner Ansichten und durch Deine
Zustimmung in denselben gestärkt habe; - kurz. mein früheres dumpfes,
halbunterdrücktes Gefühl hat sich in eine klare Überzeugung verwandelt -
eine Überzeugung, die es mir fortan unmöglich macht, dem Kriegsgott zu
fröhnen. Das ist so eine Wandlung, wie sie bei vielen Leuten in
Glaubenssachen eintritt. Zuerst sind sie etwas zweiflerisch und
gleichgültig, sie können aber noch mit einer gewissen Ehrfurcht den
Tempelhandlungen beiwohnen. Wenn aber einmal aller Mystizismus
abgestreift ist, wenn sie zu der Einsicht gelangen, dass die Zeremonie,
der sie da beiwohnen, auf Torheit - auch mitunter grausame Torheit,
wie bei den religiösen Opferschlachtungen - beruht, dann wollen sie
nicht mehr neben den anderen Betörten knieen, nicht mehr sich und die
Welt betrügen, indem sie den nunmehr entgötterten Tempel betreten. So
ist es mir mit dem grausamen Marsdienst ergangen. Das geheimnisvolle,
überirdische, Andachtsschauer-erweckende, welches das Erscheinen dieser
Gottheit auf die Menschen hervorzubringen pflegt, welches auch in
früherer Zeit noch meinen Sinn umdunkelte, das ist mir jetzt vollständig
abhanden gekommen. Die Armeebefehl-Liturgie und die rituellen
Heldenphrasen erscheinen mir nicht mehr als inspirierter Urtext; der
gewaltige Orgelton der Kanonen, der Weihrauchdampf des Pulvers vermag
nicht mehr mich zu verzücken: ganz glaubens- und ehrfurchtslos wohne ich
der fürchterlichen Kultushandlung bei und kann dabei nichts Anderes mehr
sehen, als die Qualen des Opfers, nichts hören, als dessen jammervollen
Todesschrei. Und daher kommt es, dass diese Blätter, die ich mit meinen
Kriegseindrücken fülle, nichts Anderes enthalten, als schmerzlich
geschauten Schmerz.«
Die Schlacht von Königgrätz war geschlagen