. Das Rheinbundsystem fand schon
sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken, welche die erobernde
Revolution gründete. Ja, der demokratische Cäsarismus Napoleons I. wie Napoleons
III. griff ebenfalls auf Chlodwig zurück und verbündete sich mit Rom. Und die
neufranzösische Republik sollte anders handeln? Ihr blieb in ihrer
Partei-Zerklüftung das alte Ziel: Centralisation, Anschluss an Rom und Lotringen
vom Rhein bis zur Schelde.
- - Sobald man aber die Abhängigkeit aller Volksgenossenschaften von
unverrückbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie (zwei noch
unentdeckten Wissenschaften) erkannt, widerlegen sich auch die Vorwürfe, mit
welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen
bestreiten. Im Leben der Völker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle, wie im
Leben der Einzelnen, und begünstigt das Vorwärtsdrängen. Das chauvinistische
Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz. Denn
der Neid, dieser blasse scheue Schleicher, tritt manchmal auch als stattlicher
mannhafter Widersacher in die Fehde ein.
Der Neid ist eine Leidenschaft, die man nicht einmal sich selbst
einzugestehen wagt. Der richtige Herostrat in seinem wütenden Ingrimm gegen
überlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor, dass seine Wahrheitsentstellungen
die Wahrheit enthielten. Nun gibt es aber auch Gefühle, die man zwanglos auf
den Begriff des Neides zurückführen kann und die dennoch den Charakter des
Neides verlieren. So z.B. wenn ein »Heros« in Karlyles Sinne an leitender
Stelle, die ihm gebührte wertlose oder doch untergeordnete Leute sieht. Oder
wenn ein großer Künstler es mit ansehen, muss, wie Unwert durch selbstsüchtige
Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwert aufgeblasen wird, während
Werke mit einem Ewigkeitsgepräge von seichter Oberflächlichkeit lächerlich
gemacht und missdeutet werden. Der erfolglose Wert fühlt Zweifellos Neid gegen
den erfolgreichen Unwert, aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft?
Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefühl und zugleich dem
unpersönlichen idealen Zorn über die Schädigung des allgemeinen idealen
Interesses durch die falsche Wertung des Verdienstes?
So wird man, abstrakt betrachtet, den Chauvinismus aus einem Neid und
Hochmut ableiten können, den man trotzdem ehrenhaft nennen muss.
Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen, wie der edle Sieur de
Larochefoucauld, und selbstsüchtige Berechnung in jeder guten Handlung
ausklügeln! Es gibt einen logischen Syllogismus stahlscharfer Argumentation,
mit welchem der gesunde Menschenverstand alle Finten und Paraden jener
dialektischen Floretfechter durchhaut. Wenn nämlich z.B. Dankbarkeit auch nur
eine selbstsüchtige Absicht verbirgt und man beim Erweisen von Wohltaten auch
nur den Dank berechnet, - warum ist dann Undank der Welt Lohn und warum gibt es
dann so wenige Wohltätige und Hülfsbereite? Der Undank mag ja vielleicht eine
Dummheit sein, aber er entspricht doch offenbar dem Instinkt der Selbstsucht.
Und wenn unser Wesen derartig von Selbstsucht durchtränkt wird, welche
Selbstüberwindung müsste dazu gehören, gewissermaßen Wechsel auf Undank zu