Grund hat, sich
über die Ignoranz der Engländer und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten.
Aber während seine eigne Geschichte natürlich ganz wüst und ordnungslos, ihm
spärlich und bruchstückweise vorgekaut wird, so dass er wohlweislich von diesem
bösen Jahrhundert nichts zu hören bekommt, - werden ihm die Kantönlifehden der
Griechen und Römer in einer Breite und mit einer Selbstgefälligkeit vorgetragen,
als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab, wie Cäsar's Legaten, Tribunen,
Centurionen und Primipile geheißen. Ebenso fordern dieselben Erzieher, welche
die deutschen Gesetze und politischen Konstitutionen ängstlich zu behandeln
vermeiden, unbedingteste Kenntnis der Gesetze des ehrwürdigen Servius Tullius -
um so ehrwürdiger, da er nie gelebt hat - und die Gesetzveränderungen je nach
Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslöschlich dem Gedächtnis
eingeprägt.
Bravo! Deutscher Student, kennst Du die Declaration of human rights? Kennst
Du die Verfassung des Englischen Parlaments? Nein. Kennst Du die Déclaration des
droits de l'homme? sowie die Dekrete des National-Konvents? Nein. Kennst Du
endlich die politischen Gesetze, um welche Deutschland seit Napoleon rang? Nur
in notdürftigen Phrasen. - Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis
bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichnis der leges durch - da
bist Du zu Hause.
Und das auch nur, falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender
gewesen - was ich immer zur Voraussetzung nehme, obschon noch nie ein
origineller selbsttätiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste
verdankt hat, ja verdanken konnte. Denn selbst die Kenntnis der Antike flösse
den Wenigen, die derselben bedürfen, auf dem Wege des Selbststudiums in kürzerer
Zeit viel gründlicher zu. Wer wäre je auf der Schule in den wahren Geist der
antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen, da die Repetition der
»unregelmässigen Verba« daran hindert! Die lateinische und griechische Grammatik,
nicht die Literatur, derentwillen angeblich die toten Sprachen gepflegt
werden, trägt der deutsche Gymnasiast nach Hause. Und dieser Formelkram, der den
Geist ertötet, setzt sich auf der Universität fort. Die Studenten, die nicht
einzig irgend einem Brodstudium fröhnen, sollen mit ihrer allgemeinen
Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren, welche irgend einen
kleinen specialistischen Winkel-Abschnitt der Historie behandeln, den man in
Wahrheit nur durch überschauende Kenntnis der allgemeinen historischen
Verhältnisse begreifen könnte. Wo man aber gar einen »Lehrstuhl der Aestetik«
amtlich besoldet, da wird der angehende Bierphilister durch widerliche
Shakespeareomanie und Goetepfafferei um den letzten Gran gesunden Urteils und
natürlicher Empfindung gebracht. Ein künftiges Jahrhundert wird darüber richten,
ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung
ihrer Kräfte gehemmt habe. Das Buch der Bücher, die Weltgeschichte, lehrt, dass
aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet.
Ich verlasse hier den Größenwahn des deutschen