einigem Unwahren und manches Gute, von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende, aufweisen. Ein anderes Gesetz der Schönheit, als das eben aufgestellte, gibt es nicht. Die sonstige »Form« ist etwas Sekundäres. Wie aber den Künstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen, welche das Wahre und Gute d.h. das Schöne erfassen und darstellen kann? Meister Haubitz hat uns allerlei von »Begeisterung« vordeklamirt - ist ihm diese Dame vorgestellt? Leicht möglich. »L'entousiasme est de tous les sentiments celui-ci qui donne le plus de bonheur« sagt Frau von Staël. Dieses Gefühl, welches »das meiste Glück gibt«, bezeichnet also den Grad höchster Extase. Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf, dass dieser Zustand bei Schöpfung eines Kunstwerkes anhalten könne? Doch höchstens bei gewissen Hochmomenten. Wenn wir nun constatiren, dass durchdringender combinirender Verstand ebensosehr wie reiche Phantasie für echte Dichtung notwendig erscheinen, wodurch der Begeisterungs-Humbug schon in sich zusammenbricht, so locken wir mit all dem keinen Hund vom Ofen für die Frage: Was ist der geheime Grundkeim des dichterischen Wesens? Nun, meine Herrn, Meister Haubitz hat uns die fable convenue wieder aufgewärmt, die schon in Wielands »Abderiten« der Demokritos zum Besten gibt, dass die Schönheitsbegriffe eines Negers andere seien als die unsern. Allein, was kommt denn für uns bei dieser Prämisse heraus, was gewinnen wir mit dieser Beobachtung? Nichts, denn sie gehört gar nicht hierher. Die äußerlichen und sinnlichen Schönheitsbegriffe sind allerdings verschieden; das können wir, ohne fremde Weltteile zu behelligen, unter uns selbst beobachten. Der eine schwärmt für dicke Frauen, dem andern sind diese ein Horreur. »Was dem Einen sin Uhl is, is dem Andern sin Nachtigall.« Aber die Schönheitsbegriffe der Kunst, von denen doch hier allein die Rede ist, die Begriffe der intellectuellen und moralischen Schönheit waren zu allen Zeiten und unter allen Völker die gleichen. Was edel handeln heißt, weiß der Schwarze wie der Weiße, und was schlecht handeln heißt, ebenso. - Auch mit den physiologischen und associativen Eindrücken ist's eine eigene Sache. So erweckt eine rote Wange uns Lustempfindungen, weil wir diese Röte als Gesundheit deuten. Andrerseits aber kann eine rote Wange das Zeichen der Schwindsucht sein. Sie erweckt uns also Peinliche Empfindungen. Gleichwohl wirkt eine rote Wange unter allen Umständen auf uns als angenehm d.h. schön, weil diese lebhaftere Farbe die Eintönigkeit der Züge belebt. Außerdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst, welche bekanntlich die Züge verfeinern und gradezu vergeistigen kann, auf uns häufig als schön - allerdings nur auf den Gebildeten, auf den gröberen Sinnenmenschen nie. Der Begriff des Schönen ist also im letzten Grunde genommen ebenso