eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Teorieen über die Gesetze der poetischen Production. Da erbat sich Leonhart Gehör, und nachdem notdürftige Stille hergestellt, begann er also: »Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen, sind über Vieles belehrt. Erlauben die Herrschaften nun, dass auch ich zu jeder einzelnen Tese meinen Genf gebe. Wir haben die uralte Prase gehört, Schönheit entstehe, wenn Form und Inhalt sich decke. Nun, in einem Menzel'schen Bild oder etwa in Laibl's Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar d.h. sind von gleich origineller Hässlichkeit. Ist also auf diese Weise Schönheit entstanden? Keineswegs. Aber ist darum diese meisterliche Hässlichkeit nicht kunstwerkmässig ausgeführt? Ja.« Nun gehört aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten Ästetik, die von Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug zusammengeschwätzt hat, die törichte Voraussetzung, die Kunst habe die Schönheit zum weck. Macbet als Mörder ist ganz gewiss nicht »schön«. Vielmehr wird das Gleichgewicht der Schönheit d.h. der sittlichen Naturharmonie, erst durch die Zoten des betrunkenen Pförtners, also etwas an sich Hässliches, wieder hergestellt. Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst bezeichnen, so verlockt uns auch dies in Irrwege. Wahrheit soll sein der einzige Zweck der Wissenschaft, aber soll sein nur ein Mittel der Kunst. Der Fanatismus der Wahrheit führt uns naturgemäß zur Übertreibung und Karrikatur, also zur Unwahrheit, gerade wie etwa Ateismus zum Aberglauben führt. Die spitzfindigen Erzeugnisse von Ibsen sind wahr, aber nicht schön - und darum wirken sie kalt, blutlos, didaktisch, doctrinär. Nicht schön - fehlt da auch noch etwas Anderes: sie wirken zerrissen, fragmentarisch, wie ein höhnisches Fragezeichen. Es fehlt die Abrundung, der vollausgetragene innere Abschluss. Nun, welches Element möchte denn wohl das letztgenannte Kunsterforderniss hinzuleiten? Denken wir an Schillers allgemeingehaltene Phrase vom »Wahren, Guten und Schönen.« Das Gute - das soll bedeuten: den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und des Herzens, der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die versöhnende innere Lösung findet, selbst beim zeitlichen Untergang des Guten. Eine gewisse Erhabenheit der Anschauung gehört unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu einem Kunstwerk höherer Gattung. Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schöne, oder vielmehr ist bereits das Schöne. So stellt der grausigste aller Romane, »Raskolnikow«, vollendete Schönheit dar, weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt. Die meisten Werke von Zola sind nicht schön und nicht kunstvollendet, weil sie mir teilweise wahr und gut sind; »Germinal« und »L'Assomoir« aber nähern sich der idealen Schönheit, weil sie viel Wahres neben