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zu setzen, und nach einem dankbar stillen Blicke in die Kühlung spendenden
Wipfel der ehrwürdigen Bäume sprach er also:
»Die Strafe ist das Recht des Unrechtes, wenn man den Rechtslehrern, auf
deren Worte jetzt die Schüler aller Orten schwören, glauben darf. Die Definition
empfiehlt sich durch ihre Einfachheit den Katheder-Logikern, aber ich glaube
nicht, dass Christus sehr damit zufrieden gewesen wäre. Er hat nicht gefunden,
dass gesteinigt zu werden das Recht der Ehebrecherin sei, im Gegenteil, indem er
den, welcher sich ohne Schuld fühle, aufforderte, den ersten Stein auf das arme
Weib zu werfen, angedeutet, dass unter der glatten, logischen Oberfläche des
landesüblichen Rechtes ein tieferer Grund liege, der sich allerdings nur dem
Auge offenbart, das sieht - ja, und dem Herzen, das fühlt. Einem solchen Auge,
einem solchen Herzen aber wird es bald klar, dass jenes Unrecht, welches bestraft
werden soll, damit es zu seinem Rechte komme, wenn nicht immer, so doch fast
immer ein Unrecht aus zweiter, dritter, hundertster Hand ist, die Strafe deshalb
fast nie den trifft, der sie möglicher Weise verdient hat, und der gerechteste
Richter also im allerbesten Falle, er mag wollen oder nicht, dem blutigen
Legaten gleicht, der den Zehnten zum Tode führen lässt, nicht, weil er schuldiger
ist, als die anderen neun, sondern, weil er der Zehnte ist.
Das aber wird, wie gesagt, nicht dem Katheder-Logiker offenbar, der
zufrieden lächelt, wenn er nur mit dem Satze der Identität und dem vom
Widerspruche nicht in Konflict gerät; auch dem Richter nicht, dem der Fall in
seiner Vereinzelung, aus dem Zusammenhange herausgerissen, vorliegt, und der nun
urteilen soll, wo er nicht einmal die Teile in seiner Hand hat, geschweige
denn den sichtbar unsichtbaren Faden, auf den die Teile mit Notwendigkeit
gereiht sind. Sie beide gleichen dem Laien, der ein Gemälde nur nach der Wirkung
beurteilt, nicht dem Kenner, der weiß, wie es entstanden ist, welche Farben der
Maler auf der Palette hatte, wie er sie mischte, wie er den Pinsel führte,
welche Schwierigkeiten er überwinden musste und wie und wodurch er sie überwunden
hat, oder weshalb er sein Ziel nicht erreichte. Und wie die wahre Kritik nur die
schöpferische ist, welche aus den Geheimnissen der Kunst heraus urteilt, und
also auch nur der Künstler wahrhaft Kritik üben kann, so können die Handlungen
der Menschen auch nur von Menschen beurteilt werden, von denen das Wort des
alten Weisen gilt, dass ihnen nichts Menschliches fremd sei, weil sie der
Menschheit ganzen Jammer schaudernd an sich selbst und an ihren Mitbrüdern
erfahren. Dazu aber gehört, wie gesagt,