wäre. Dafür zeigt die Schwingung
der Gliederflächen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche Ausbildung
und Durchführung, dass die Zustände von jetzt und von unmittelbar vorher und
nachher sichtbar werden, dass die Glieder, wie ich vorher von der Gewandung
sagte, die Vorstellung der Beweglichkeit geben, und dass sie leben. Wie bei den
Gewändern bilden manche Neue auch die Glieder ins Grössere, Allgemeinere, weniger
Ausgeführte, um nicht krampfig zu werden, und dann geraten die Muskeln gerne wie
glatte, spröde, unbiegsame Glaskörper, und die Gestalt kann sich nicht rühren.
Das Gesagte mag ungefähr den Begriff von dem geben, was man in der Kunst unter
Bewegung versteht. Was man unter Ruhe begreift, das mag wohl zuerst darin
bestehen, dass jeder Gegenstand, den die bildende Kunst darstellt, genau
betrachtet, in Ruhe ist. Der laufende Wagen, das rennende Pferd, der stürzende
Wasserfall, die jagende Wolke, selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung
ein Starres, Bleibendes, und der Künstler kann nur durch die früher von mir
angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit, als Täuschung des Auges
darstellen, wodurch er zugleich seinen Gegenstand über die Gränzen des
unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich größere Bedeutung
gibt. Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu gewaltsam sein, sonst helfen
die Mittel nicht, der Künstler scheitert und wird lächerlich. Zum Beispiele
Pferde, die von einem Felsen durch die Luft hinabstürzen, dürfen nicht in der
Luft fallend gemalt werden wenigstens dürfte dies leichter eine den Verstand
befriedigende Zeichnung als ein das ganze Kunstvermögen entzückendes Bild
werden. Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit
weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flüssigkeit, die aus einem
Gefäße gegossen wird, wobei die Einbildungskraft sich mit dem Gedanken quält,
dass das Gefäß nicht leer wird. Der in hohen Lüften auf seinen Schwingen ruhende
Geier ist im Bilde erhaben, der dicht vor unsern Augen auf seine Beute stürzende
kann sehr misslich werden. Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich, der
von einer abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein
immerwährendes Bleiben. Es ist begreiflich, dass die Grenzen zwischen dem
Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind, und dass größere
Begabungen viel weiter hierin gehen dürfen als kleinere. So sah ich schon sehr
oft gemalte fahrende Wägen. Die Pferde sind gewöhnlich ihrer Fussstellung nach im
schönsten Laufe begriffen, wahrend die Speichen der Wagenräder klar und sichtbar
in völliger Ruhe starren. Der größere Künstler wird uns den Nebel der sausenden
Speichen darstellen, und manches andere zutun und zusammenstellen, dass wir den
Wagen wirklich fahren sehen. Außer dem hier gegebenen Begriffe von stofflicher
Ruhe mag wohl unter Ruhe weit öfter die künstlerische zu verstehen sein, die ein
Kunstwerk, sei es Bild, Dichtung