Türkei
erworben, teils durch die Tractate, teils durch ihre Machtstellung und
Handlungen eigener Machtvollkommenheit, war der Art, dass von einer Souverainetät
der Pforte fast gar nicht mehr die Rede blieb, und deren Schatten einzig durch
die Rivalität der occidentalischen Staaten bewahrt wurde. Die immer stärker
hervortretende Entmannung des Islams in Europa hatte die frühere bedeutende und
gefährliche aggressive Macht der Türkei nach Außen längst aufgehoben, und jene
oben erwähnten internen Verhältnisse lassen das, dem Kaiser Nicolaus
zugeschriebene, eigentlich aber schon vom Hofe Katarina's stammende und auch
von Napoleon I. gebrauchte Bild von »kranken Mann« sehr der Wahrheit
entsprechend erscheinen. Die von Frankreich genommene Aggressive durch den
Streit um die heiligen Stätten3 drohte eine eben solche Wendung zu nehmen, wie
die Flüchtlingsfrage. Russland durfte die Interessen der griechischen Christen
unter keinen Umständen im Stiche lassen, wenn es nicht die für seine
traditionellen und historischen Pläne so notwendigen Sympatieen derselben
aufgeben wollte, und so war es zu einem herausfordernden Auftreten und einem
Beginn des Streites gezwungen, den es offenbar erst für ein Jahrzehend später
bestimmt hatte und zu dem es noch keineswegs durch seine inneren Einrichtungen,
Eisenbahnen, Marine etc. vorbereitet war. Dennoch hatte man sich in Petersburg
dem Glauben hingegeben, dass die russische Machtstellung im europäischen
Staatenverband und sein bisheriger dominirender Einfluss auf Mittel-Europa
hinreichen würden, ernste Konflicte zu vermeiden. Dazu kam der blinde Glaube an
die Unmöglichkeit einer politischen Alliance Englands und Frankreichs. Kaiser
Nicolaus, einer der ehernsten Charactere der Weltgeschichte, rechnete Völker und
Länder zu sehr als Zahlen von seinem erhabenen Standpunkt aus und trug den
tieferen Erscheinungen und Characteren der Gegenwart zu wenig Rechnung.
Fürst Mentschikoff, der russische Marineminister, war am 28. Februar in
Konstantinopel eingetroffen und hatte einen feierlichen Einzug unter dem Jubel
der griechischen Bevölkerung gehalten, dir in der Initiative Russlands eine neue
Aera ihrer Jahrhunderte lang bewahrten Hoffnungen und Wünsche aufblühen sah.
Unter den niederen Klassen der Griechen hatte sich faktisch das Gerücht
verbreitet, der Fürst werde mit den Griechen von Konstantinopel das nächste
Osterfest in der Sophien-Kirche, - diesem ehemaligen Palladium des griechischen
Christentums - feiern. Es ist Tatsache und durch zahlreiche Beweise dargetan,
dass dieser Glaube und die Aufregung unter der griechischen Bevölkerung nicht
allein in Konstantinopel, sondern auch in Smyrna und Kleinasien hauptsächlich
durch die revolutionaire Propaganda, durch die politischen Flüchtlinge, genährt
und verbreitet wurden.
Der starre Charakter des Fürsten war zur Führung intriguenvoller
diplomatischer Verhandlungen, in denen die orientalischen Staatsmänner den
feinsten Diplomaten des Westens überragen, wenig geeignet und wir haben bereits
zu Anfang unseres Werkes angedeutet, welchem Einfluss es gelungen war, gerade
dieser, dem Charakter des Kaisers so ähnlichen Individualität die Betrauung mit
dieser schwierigen Mission zuzuwenden. Der Fürst hatte sich geweigert, dem
Minister des Auswärtigen