selbst seine
geistigen Errungenschaften aneignen und diejenigen allgemeinen Grundlagen und
Anschauungen erwerben möchte, welche nur bei großen Sprachgenossenschaften zu
finden sind und ohne welche es der einzelne zu nichts Ganzem und Höherm bringen
kann.«
»Wie, eure schweizerische Nationalität genügt euch also doch nicht für den
Hausgebrauch in allen Dingen? Sie gibt euch keine Ideen für ein höheres
Bedürfnis?«
»Jedes Ding hat zwei Seiten, mein Herr! und, wie ich glaube, auch die
Nationalität, oder was man so nennen mag. Man kann ein sehr guter Hausvater, ein
anhänglicher, pflichtgetreuer Sohn sein und doch das entsprechende Gebiet für
verschiedene Bedürfnisse und Fähigkeiten außer dem Hause suchen und finden. Und
wie die Familie die sicherste, trostreichste Zuflucht ist nach jeder
Abschweifung und Irrfahrt, so ist das Vaterland, wenn seine Grenzen einen
natürlichen Zusammenhang haben und wenn es zudem noch den sichern Schoss eines
aufgeweckten und vergnüglichen bürgerlichen Lebens bildet, der erste und letzte
Zufluchtsort für alle seine besseren Kinder, und je ungleicher diese sich an
Stamm und Sprache manchmal sind, desto fester ziehen sie sich, nach gewissen
Gesetzen, gegenseitig an, freundlich zusammengehalten durch ein gemeinsam
durchgekämpftes Schicksal und durch die erworbene Einsicht, dass sie zusammen so,
wie und wo sie nun sich eingerichtet haben, am glücklichsten sind. Eine solche
Lage ist die unsrige. Um einen uralten Kern hat sich nach und nach eine
mannigfaltige Genossenschaft angesetzt, welche die Überlieferungen desselben,
soweit sie in ihrer Bedeutung noch lebendig sind, mit aufnahm und sich bestrebt,
sie fortwährend in gangbare Münze umzusetzen. Ähnliche Neigungen in der durchweg
ähnlichen, schönen Landschaft, eine Menge nachbarlicher Berührungen bei der
gemeinsamen Zähigkeit, den Boden unabhängig zu erhalten, haben ein von jedem
andern Nationalleben unterschiedenes Bundesleben hervorgebracht, welches allen
seinen Teilnehmern wieder einen gleichmäßigen Charakter bis in die feineren
Schattierungen der Sitten und Sinnesart verliehen hat. Und je mehr wir uns in
diesem Zustande geborgen glauben vor der Verwirrung, die uns überall umgibt, je
mehr wir die träumerische Ohnmacht der altersgrauen großen Nationalerinnerungen,
welche sich auf Sprache und Farbe der Haare stützen, rings um uns zu erkennen
glauben, desto hartnäckiger halten wir an unserm schweizerischen Sinne fest. So
kann man wohl sagen, nicht die Nationalität gibt uns Ideen, sondern eine
unsichtbare, in diesen Bergen schwebende Idee hat sich diese eigentümliche
Nationalität zu ihrer Verkörperung geschaffen.«
»Ich kann mich nun«, versetzte der Graf, »allerdings schon leichter in
dieses sonderbare Nationalgefühl hineindenken, muss aber um so eher darauf
bestehen, dass die Schweizer folgerechterweise auch einer ebenso eigentümlichen,
aus ihren Verhältnissen erwachsenden Geisteskultur bedürfen sollten!«
»Das ist eben die andere Seite! Es gibt zwar viele meiner Landsleute, welche
an eine schweizerische Kunst und Literatur, ja sogar an