finden Sie irgendeine vorgefasste Meinung bestätigt?«
»Ich soll eigentlich nicht überrascht sein, wenn ich bedenke, dass jedes Volk
seine eigenen Sitten hat, welche kennenzulernen der Fremde wohltut. Ich erinnere
mich jetzt wirklich, dass in meiner Heimat dem Reisenden ähnliche
Unannehmlichkeiten widerfahren, indem dort das Landvolk, wenn es von Begegnenden
nicht gegrüßt oder sein Gruß nicht erwidert wird, dem Fehlenden Schimpf und
Spott nachsendet. dabei herrscht eine so genaue Etikette, dass der Ankommende
oder Vorübergehende denjenigen, der an einer Stelle sitzt oder steht, zuerst
begrüßen muss, wenn er nicht ausgescholten werden will.«
»Da scheint mir aber doch eine schönere Sitte allgemeiner Freundlichkeit und
Zutraulichkeit zugrunde zu liegen, als die tolle Respektwut unserer Honoratioren
ist. Oder ist es vielleicht die gleiche moralische Triebfeder, indem Ihr
Landvolk sich als republikanischer Souverän respektiert wissen will?«
»Durchaus nicht! Das Volk bei uns hat nicht nötig, sich seine Bedeutung
durch solche Dinge zu vergegenwärtigen; es atmet seine Lebensluft, ohne daran zu
denken; der Herzschlag seines politischen Lebens gehört ebensowohl zu den
unwillkürlichen Bewegungen als derjenige seines physischen Körpers. Auch sind
Leute, welche eine absolute persönliche Nichtsnutzigkeit und Hohlheit
fortwährend durch ihren überkommenen Anteil an der bürgerlichen Souveränetät
übertünchen wollen, nicht besonders angesehen. So mag es kommen, dass das Volk
auf den Straßen den Postzug eines durchreisenden gekrönten Hauptes mit
kindlicher Verwunderung begafft und, wenn es etwas recht Großes und Reiches
bezeichnen will, die Worte König und königlich so wohl anwendet wie alle übrige
Welt, oft mit solcher Naivetät, dass der geschulte Demokrat sich darob ärgern
mag.«
»Wenn Sie hierin noch die glückliche Stimmung Ihres Volkes teilen, werden
Sie sich also nicht unbequem fühlen während Ihres Aufenthaltes in einer
Monarchie?«
»Solange ich die Gewissheit habe, zurückzukehren, sobald ich will, wohl
nicht. Indessen muss ich Ihnen gestehen, mein Herr, dass doch schon eine
sonderbare Stimmung anfängt, sich meiner zu bemächtigen, und der heutige
Auftritt machte dieselbe nur klarer. Es ist mir zu Mute, wie wenn irgendeiner
zarten und bisher unberührten Saite meines Innern plötzlich Gewalt angetan wäre;
jeder Stein, jeder Baum scheint hier einen Stempel zu tragen, noch neben dem der
Gottheit und der Natur. Jedes Postschild scheint mir zuzurufen Du musst dich auch
zeichnen lassen wie ich, hier ist alles das erste und letzte Eigentum eines
einzelnen Menschen! Und je weniger das Wort in Wirklichkeit wahr ist, besonders
in einer gesetzlich eingerichteten Monarchie, desto mehr kommt es mir als ein
unwürdiger Spaß, als ein blauer Dunst vor, den man sich mit ernstaftem Gesicht
vormacht; je weniger ich, wenn ich recht tue, nach jemandem zu fragen habe,
desto lästiger ist es mir, wenn ich mich doch so