und
berechtigte Gehalt viel zu zarter Natur war, als dass er in eine Staatsreligion
gespannt oder auch nur mit einem andern als dem schlechtweg menschlichen oder
göttlichen Namen bezeichnet werden könnte.
Das erste, was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und
worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete, war das Erkennen und Bekennen
der Sündhaftigkeit. Diese Lehre traf auf eine verwandte Richtung in mir, welche
tief in meiner Natur begründet ist, wie in derjenigen jedes ordentlichen
Menschen; sie besteht darin, dass man jeden Augenblick sich selbst klaren Wein
einschenken soll, nie und in keiner Weise sich einen blauen Dunst vormachen,
sondern das Unzulängliche und Fratzenhafte, das Schwache und Schlimme sich und
andern offen eingestehen. Der natürliche Mensch betrachtet sich selbst als einen
Teil vom Ganzen und darum ebenso unbefangen wie dieses oder einen andern Teil
desselben; daher darf er sich ebenso wichtig und erbaulich vorkommen wie alles
andere, sich selbst unbedenklich hervorkehren, wenn er nur zu gleicher Zeit
jedes kranke Pünktchen an sich selbst ebenso genau sieht und ins Licht setzt.
Ferner muss man die besonderen Umstände seiner Fehler oder Vergehen in Betracht
ziehen und die jedesmalige Verantwortlichkeit feststellen, welche immer eine
andere ist; denn das gleiche Vergehen kann bei dem einen Menschen fast
unbedeutend sein, während es für den andern eine Sünde ist; ja für ein und
denselben Menschen ist es zu der einen Stunde unverzeihlicher und schwerer als
zu der anderen Stunde. Das richtige und augenblickliche Erkennen ist nicht eine
weitläufige und schwerfällige Kunst oder Übung, sondern eine ganz leichte,
flüssige und schmiegsame, weil jeder alsbald recht wohl weiß, wo ihn der Schuh
drückt. Das eine Mal besteht unser Vergehen nur darin, dass wir nicht auf der Hut
waren und in der selbstbeherrschenden Haltung, welche wir uns nach dem Grade
unserer Einsicht, Fähigkeit und Erfahrung zu eigen gemacht und welche bei jedem
wieder einen andern Maßstab verlangt, nachgelassen haben, ohne dessen
innezuwerden; das andere Mal besteht aber das Vergehen so recht in und durch
sich selbst, indem wir es uns in der vollen Gegenwart unserer Einsicht und
Erfahrung zuschulden kommen lassen. Alsdann geht die Sünde sozusagen mit der
Erkenntnis und Reue zusammen, und es gibt allerdings eine Hälfte Menschen,
welche ihr Leben hindurch an der einen Hand die Sünde, an der anderen Hand die
Reue gleichzeitig fahren, ohne sich je zu ändern; aber ebenso gewiss gibt es eine
Hälfte, welche im Verhältnis zu ihrer Erfahrung und Verantwortlichkeit in einem
gewissen Grade von Schuldlosigkeit lebt, und jeder einzelne, wenn er sich recht
besinnen will, kennt gewiss einzelne, bei welchen diese Schuldlosigkeit zu
völliger Reinheit wird. Möge nun dieses auch eine bloße Folge von
zusammengetroffenen glücklichen Umständen sein, so dass solche Erscheinungen zum
Beispiel durch ein passives Fernsein vom Bösen von jeher schuldlos