verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort
sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.«
»Aber nichts, was das Gefühl erhebt.«
»Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt,
wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu
verbergen, ebenso oft als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt, gäbe
das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da, in der großen Geschichte
vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein
Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen,
dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur gibt sich, wie sie ist,
und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen besseren Schein zu geben,
so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte
tiefer, unlösbarer, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und
wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug, wie ein Licht
aus bessern Welten, vorschiesst, da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge
treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muss. Ja, Teuerster,
der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung
geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleissende Schein immer mehr
reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben
ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln
sollte, gewiss, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife
ich die Völkerwanderung. Die Barbaren, welche die römische Kulturwelt mit ihren
Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter
ihnen grassirten Laster, Blutsünde und Gräuel aller Art, aber sie waren der
frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.«
»Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Voigteien? Ich
konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbniss betrachten.«
»Nun, so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.«
»Aber wo unter hundert Fällen neun und neunzig nur die Verwechselung des
Mein und Dein zum Gegenstand haben.«
Fuchsius sah ihn lächelnd an: »Ist das nicht die große Frage, die Alles
regiert! Nur dass die Groben für Andere die Feinen für sich einen Mantel darüber
hängen. Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen, es ist
daher viel leichter, die Bemäntelung abzureissen und der Sache auf den Grund zu
kommen. Übrigens versichere ich Sie, dass ich die interessantesten Studien
vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern
Abklatsch der höheren Stände