, cultivirten Geist
und viel Beruf, Dinge, die in der Menschenbrust schlummern, auszusprechen.
Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen
Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer. Ein Gelehrter,
ein Stubenmensch, ohne Weltton, ohne Lebensauffassung, wird plötzlich, wie soll
ich's nennen, wild! Es fällt ihm ein, dass er schwärmen könne, und wie schwärmt
er? Die Seinigen lässt er daheim, seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander
und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern. Das sind
die gefährlichsten Repräsentanten des Geistes, die, alles Charakters baar, nur
nach ihren persönlichen Stimmungen sich bald für Dies, bald für Jenes erklären.
Weiß er nicht jeder Auffassung eine gefällige Form zu geben? Erfüllt er nicht
die innere Leere seines Charakters dadurch, dass er mit Haut und Haar in jede
fremde Natur hineinspringt und aus ihr, sie lobpreisend, hervorkokettirt? Gib
diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle
Aufgabe des Lebens durchzuführen, er wird sie verfahren und wenn er sie nicht
ehrlos mit Füßen tritt, sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwürdigen!
Unfähig, irgend eine geschlossene Production hervorzubringen, raisonnirt er nur
und lässt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Facetten eines
Diamanten. dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugänglich. Wer seinen Styl
lobt, dem gibt er alle seine Ideen preis. Wer vollends sagt, dass seine stumpfe
Nase griechisch, seine geschlitzten Augen kaukasisch, seine Hände ebenso zart
und weiß, wie sie rot sind, wären, dem stellt er alle seine Eingebungen, das
ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfügung. Er wird rot, wenn man seine
Manschetten lobt. Kurz er ist ein Mann, der aus der Koncentration eines
gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen
Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anstössig ist schon
die geringe Achtung, in die er sich versetzt durch sein leicht entzündliches
Herz und die Narrheit, mit der er sich in jede Frau, die einmal seine
jeanpaulisirende Schreibweise lobte, verliebt stellt.
Egon hatte damals über diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck
gesprochen, die sich Stromer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne,
während er doch glaube, dass dieser wildgewordene Pedant selbst den Fräuleins
Wandstabler nachliefe, wenn diese ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel,
wenn auch nur von 175 Graden, ansähen.
Egon erzählte dann auch, dass er die liebenswürdige Tochter des Justizrats
Schlurck zuweilen bei Paulinen träfe und verlangte von Dankmar eine genauere
Angabe der eigentümlichen Beziehungen, in denen er zu diesem bildschönen Wesen
gestanden hätte. Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich
auf Das, was Egon