Dennoch gilt er für eine
Kirche und herrscht als solche, aber nur durch Widersprüche und Inconsequenzen.
Um sie zu verteidigen wirft er sich auf Gelehrsamkeit; um sie zu betäuben auf
Fanatismus; um sie aufzuheben auf Rationalismus; und fällt dadurch immer mehr
auseinander, wie seine zahllosen Secten das beweisen, die sich in Ermangelung
einer Kirche jede ihr eigenes Betstübchen zurecht machen.«
»Wol uns wenn unsre Seelen in ihren demütigen schlichten Betstübchen die
Ruhe und Zuversicht im Herrn finden, welche Denen stets fehlen werden die in
prachtvollen Domen papistischen Greuel treiben, und Jenen die in der Welt dem
rationalistischen Baal huldigen.«
»Ja! wohl Euch wenn Ihr neben der Ruhe im Herrn auch Demut für Eure Seelen
fändet! aber Ihr seid von geistlicher Hoffahrt besessen, die bei dem
separatistischen Wesen fast unvermeidlich ist, denn die Abtrennung von der
Gemeinsamkeit ruft stets ein Sichbesserdünken hervor. Ihr nennt das begnadigt
sein, auserwählt sein; aber das ist doch weiter nichts als eine Art von
Selbst-Heiligsprechung.«
Man wollte mir das Gegenteil beweisen; vielleicht bewies man es mir auch -
ich hab' es vergessen! Dies Alles war nicht das was ich brauchte. Das unbekannte
Gut, welches ich in jeder dem Menschen gegönnten Richtung gesucht hatte, in der
Welt, in den Gefühlen, in der praktischen Tätigkeit, in der geistigen
Ausbildung, und immer umsonst! - ich suchte es jetzt im religiösen Glauben - und
ebenso vergeblich; und es war doch das einzige was ich brauchen konnte.
»Ihnen ist bei uns nicht zu helfen! sprach meine Freundin. Ihre Phantasie
wird durch den Katolischen Pomp gefangen, und Ihr Verstand huldigt dem
Rationalismus. Diese zwei Elemente ersticken den wahren Glauben.«
Es halfen keine Discussionen mehr! ich konnte ihr nicht anschaulich machen,
dass nicht der Katolische Pomp sondern die Katolische Einheit mich anzog;
nicht, dass ich den Rationalismus als ein Attribut steriler, dürftiger Naturen
betrachtete, welche sich im Übersinnlichen dermaßen unheimisch fühlen, dass sie
es sinnlich sich erklären müssen; und endlich nicht, dass es mir unmöglich sei
mich einer religiösen Gemeinschaft hinzugeben, so lange ich entweder äußerlich
mit ihrer Form - oder innerlich mit ihrem Prinzip und mit meiner
Anschauungsweise in Konflict geraten könne.
So war mir der einsame Winter in der Villa paisible vergangen; fast täglich
ging ich nach Montreux, und jeden Sonntag fuhr ich zu Benvenuta nach Ouchy.
Lektüre und Spaziergänge füllten meine übrigen Stunden. Im Junius musste ich sie
aber den Besitzern räumen. Ich besuchte Astralis in Freiburg, und hatte die
herzliche Freude sie ebenso zufrieden, und geistig und körperlich in gesunden
Elementen gedeihend zu finden, als Benvenuta. Beide waren kräftiger, munterer,
frischer als bei mir. Otberts Behauptung fiel mir ein: