nicht klagen. Man muss
Fesseln brechen, nicht gegen sie rebelliren.«
»Sind Sie wirklich im Besitz dieser seltenen Stärke in jedem Augenblick, zu
jeder Epoche Ihres Lebens?«
»Mein Leben ist so unaussprechlich einfach und einfarbig gewesen, dass ich
nur ein einziges Mal Gelegenheit hatte, einen unbesieglichen Entschluss zu
fassen. Da revoltirte ich freilich, aber es war eine Revolution, aus der eine
neue Aera für mich hervorging: deshalb hatte ich ein Recht dazu. Seitdem habe
ich, Gottlob! weder Kraft, noch Kämpfe, noch Entschlüsse nötig gehabt, was
alles sehr unbequeme Dinge sind. Aber der Mann sollte doch immer unter den
Waffen stehen! er ist von so verschiedenen Seiten anzugreifen. Leidenschaften,
die wir kaum ahnen, beherrschen ihn oder versuchen es wenigstens; er muss nach
allen Seiten auf der Hut sein. Wir haben es immer nur mit der des Herzens zu
tun, was aber freilich auch die Sturm- und Wetterseite ist.«
»Charakter haben - Wort und Tat, Meinung und Handlung in die genaueste
Übereinstimmung, und beide dahin bringen, dass sie Eins, dass sie unsere
Wesenheit, dass wir selbst Charakter werden: darin liegt die ganze menschliche
Würde, und um sie stets zu behaupten, ist oft eine übermenschliche Kraft
erforderlich.«
»Mag sein übermenschlich!« rief Faustine mit strahlendem Blick, »doch
zweifle ich nicht, dass sie im entscheidenden Moment Ihnen zu Gebot stehen würde.
O, Mengen, wenn Ihr klares, herrliches, entschiedenes Antlitz im Widerspruch mit
Ihrem Wesen wäre, so wär' es mir ein Schmerz. Sie dürfen nicht lügen! nicht von
der gemeinen Wortlüge rede ich, sondern von der feinen, welche im Sein nicht
hält, was die Erscheinung verspricht. Nicht wahr, Sie werden immer ganz Sie, und
so sein, wie ich Sie erkannt habe?«
Sie bog sich vor, und sah ihm fest ins Auge, und ihr Blick berührte den
seinen wie der Strahl der aufgehenden Sonne das Meer. Am liebsten wär' er vor
ihr niedergekniet und hätte ihr ewige Huldigung gelobt. Aber er begnügte sich,
ganz leise mit den Lippen ihre feine Hand zu berühren, die erst gegen ihn
ausgestreckt, nun vor ihm auf dem Tische lag. Darauf sprach sie:
»Ich habe das Gelübde verstanden und nehme es an.«
»Doch nun,« rief Mengen, sich zusammennehmend, um nicht das Gefühl
ausbrechen zu lassen, »nun müssen Sie mir irgend etwas geben, was mich stets
daran erinnert, was mich nie verlassen wird.«
»Das ist billig!« sagte sie. »Herzog Christian von Braunschweig trug stets
einen Handschuh von Elisabet von der Pfalz am Barett. Ich denke, mein