gar nicht in seiner Natur liegen.« »Er hat so wenig Form, dass er gleich gezwungen wird, sobald er artig sein will, und was diesen Brief betrifft, so mag er ihn wohl aus einem uralten Briefsteller aus der Bibliothek von Oberwalldorf abgeschrieben haben, denn das Briefschreiben und Bücherlesen ist seine Sache nicht. Nur die Bücher studiert er mit wahrer Wonne, die er selbst schreibt, und wovon er schon eine recht hübsche Sammlung besitzt.« »Also schreibt er seine landwirtschaftlichen Beobachtungen nieder?« »Keinesweges! seine Gutsrechnungen schreibt er nieder, aber auf eine Weise, die seine Zeit und sein Interesse gleich sehr in Anspruch nimmt. Erst wird mit der ausgesuchtesten Pünktlichkeit, bei Batzen und Kreuzer, die Rechnung geführt: das ist aber nur der Brouillon. Dann macht er eigenhändig Abschriften dieses wichtigen Werkes, in Sedez, in Duodez, in Octav, in Quart, in Folio und in Royal-Folio, auf dem schönsten Papier, elegant gebunden, das Royal-Folio gar prächtig in Maroquin mit goldenem Schnitt, und dann ordnet er die verschiedenen Ausgaben dieses Werkes nach ihrer Größe in den Bücherschränken seines Arbeitszimmers, worin schwerlich ein anderes Buch Zutritt findet. Das ist sein unschuldiges Steckenpferd.« »Ich wundere mich nur, dass dies Steckenpferd gleichsam in einem Gespann mit seinem Arbeitspferde läuft; dass etwas, das am Morgen seine Arbeit war, am Abend seine Erholung wird; dass er nicht lieber etwas Andres abschreibt, meinetwegen gewisse Zeitungsannoncen oder Wetterbeobachtungen, kurz, dass er in nützlicher und angenehmer Beschäftigung so gar keines Wechsels bedarf. Seine Einseitigkeit muss ihn für Jeden, der nicht Landwirt ist, erdrückend langweilig machen.« »Gehört nicht eine gewisse Einseitigkeit dazu, um etwas Großes in irgend einem Fache zu leisten oder zu werden? Kann man zugleich tüchtig als König und Dichter und Minister und Kunstkenner und Baumeister sein? mehr liefern als mittelmäßige Proben von mittelmäßigen Fähigkeiten in diesen verschiedenen Richtungen?« »Das Genie ist seiner Essenz, seinem innersten Wesen nach vielseitig; denn was ist es anders, als die göttliche Kraft des Geistes, das Homogene aufzufassen, zu entdecken, zu schaffen, zu wirken, zu bilden, je nach dem Material, das man gerade unter der Hand hat. Das Genie findet es immer unter der Hand, es sucht nie. Es fragt nicht: soll ich lieber ein Held werden oder ein Künstler? sondern es greift nach Schwert oder Pinsel, und hat, ohne sich zu besinnen, die Welt erobert oder entzückt. Dass das Genie zuweilen mehre Talente hat, verschiedene Materiale behandelt, gleichsam in drei oder vier Sprachen spricht, dass da Vinci Maler, Baumeister und Dichter war, dass Peter der Große ein Reich aus der Versunkenheit