ihre Gesichtszüge nicht mehr genug unterscheiden, um in nähere Bekanntschaft zu treten. Die Schatten der Bäume streiften wechselnd über sie hin; indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging, begann der Fremde: »Sie wissen es wohl schwerlich, mein Herr, wen Sie jetzt eben so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben?« »Nein«, sagte Leonhard, »denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen.« »Wenn ich nun ein Räuber und Mörder wäre?« »Ich bin vom Gegenteil überzeugt, denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich und wacker. Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken, aber ich bin nicht eben furchtsam.« »Sie können auch ganz ruhig sein«, fuhr der Fremde lächelnd fort, »ein Räuber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bündel, wie ich hier neben mir liegen habe. Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwürdiges Individuum an Ihrer Seite.« »So?« »Ja, mein Herr, und Ihre Miene (die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden kann, da Sie vielleicht eben eine ziemlich höhnische machen), aber zugleich Ihr Wesen, Ihre Sprache, alles flösst Vertrauen ein, und so gestehe ich Ihnen denn unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ich der einzige und zwar rechtmäßige Sohn von Friedrich dem Großen bin.« Leonhard war überrascht. Er machte den Versuch, sich etwas von der Seite des Fremden zu entfernen; aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn, in seiner vertraulichen Stellung zu verharren. »Sie wundern sich gewiss«, sagte der Unbekannte, »ich merke es an Ihrem Fortrücken; ja, es ist sonderbar genug, und Sie können sich nun Ihr ganzes Lebelang rühmen, dass Sie mit mir so unverhofft zusammengetroffen sind. - Aber Sie sind so stumm?« »Ich begreife die Möglichkeit nicht. Der preußische Friedrich starb, wenn ich nicht irre, im Jahre 1786, und Sie selbst scheinen mir, soviel ich sehen kann, ungefähr von meinem Alter; mithin hätte der große König Sie noch in hohen Jahren und nach dem siebenjährigen Krieg in die Welt gesetzt.« »Richtig!« rief jener, »ich bin jetzt dreißig Jahr und 1772 geboren, und zwar von der rechtmäßigen Gemahlin des großen Regenten. Und unmöglich finden Sie dergleichen? Lieber unbekannter Herr, was ist denn wohl einem solchen Geiste, einem so ungeheuer großen Monarchen unmöglich, einem Könige, der in seinem Reiche völlig unumschränkt herrscht, und keinem Menschen auf Erden von seinem Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat? Ja, Herr, es kommen sonderbare Schicksale in der Welt zum Vorschein. Wer viel reist, erfährt auch viel, und so geht es Ihnen jetzt. Und