. Die Seele wird getroffen und das Herz in seinen Tiefen bewegt, wenn diese göttlich schönen Stimmen sich himmelan schwingen, darum, weil eine so süße Kindesunschuld in ihnen tönt, das man unwillkürlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken muss. Freilich, wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich beruhigt hat, behauptet dann der alte Fehler des Menschen, immer urteilen und vergleichen zu wollen, sein Recht, und ich musste mir gestehen, als ich die Kapelle verlassen hatte, dass die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist, auch liegt die Ursache, warum dies so ist, glaube ich ganz nahe. Da nämlich die Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjährigen Knaben gesungen werden muss, so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder die ganze Tiefe des religiösen Gefühls darin entfalten, alle andern Stimmen müssen mit bescheidener Mäßigung behandelt werden, damit die Oberstimme nicht unterdrückt wird; deshalb bewegt die rührende Unschuld in diesem himmlischen einfachen Gesange vorzüglich das Herz, wenn wir bei der kunstreicher gebildeten lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben, die große Virtuosität einzelner Sänger zu bewundern. Vielleicht würden diese Betrachtungen meinen griechischen Christen viel zu weltlich dünken, denn ich glaube, es fällt nur wenigen ein, den Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten; es scheint ihnen bloß unerlässlich zum Gottesdienst zu gehören. Überhaupt, glaube ich, hat die Kunst hier noch wenig Eingang gefunden, obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke besitzt. Kunstgenuss ist hier ein Luxus, den sich nur Wenige erlauben, keineswegs ein Bedürfnis der Seele. Desshalb durchwandert man die Säle, in denen die Kunstschätze sich befinden, beinah immer einsam, und auch ich habe mir nur einen flüchtigen Überblick zu verschaffen gesucht, freilich aus andern Gründen. Die Kunstwerke sind so zahlreich, die Sammlungen so großartig, dass ich nicht lange genug hier verweilen kann, um einigermaßen mit Nutzen sehen und das Gesehene im Gemüt ordnen zu können. Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so groß, dass ein Studium dazu erforderlich ist, um sie einigermaßen kennen zu lernen, und ich habe mich während meines Hierseins oft darüber gewundert, dass bis jetzt so wenig über Petersburg und seine Kunstschätze geschrieben worden ist, wodurch der Fremde einigermaßen geleitet werden könnte. Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht einlassen kann, so gewährt es mir ein großes Vergnügen, die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreifen, und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nähe großartiger Palläste noch hin und wieder armselige Häuser erblicke, so stellt sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart, und die riesenmässige Kaiserstadt mit ihren endlosen Straßen, ungeheueren Plätzen und kolossalen Gebäuden ist, glaube ich, kein