an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es, dass noch heute der Ateismus wie das größte Verbrechen von den Völkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab er uns nicht die Fähigkeit, ihn begreifen zu können? Verlangt er die Folgen, warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin überein, dass man von Gott nichts wissen könne. Dann weiß ich auch nicht, warum sie an ihn glauben. Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz Gottes anzunehmen war eine ganz äußerliche, politische und polizeiliche Übereinkunft der Völker. Denn warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten! Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit! Das allmähliche Verschwinden des Bewusstseins! Und dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd' ich haben, wenn ich vierzig, fünfzig bin und es nun heißt: noch zehn, noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen Natur, dass ich mich nie entschließen kann, das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige, was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fähigkeit, unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche wir vermissen sollen. Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Cäsar hörte: die »Fragmente des Wolfenbüttler Ungenannten«, welche Lessing herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfränkisches Wesen; aber das hab' ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Die vollständige Prüfung des Christentums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek. Sie wollen das Buch nicht herausgeben. Sie fürchten, dass aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten fliegen, die das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, dass der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße! Die »Fragmente« nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nüchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten Mienen jener Fischer und Zöllner, welche das Christentum predigten, den Schalk entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt! Und doch jammert