Töne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreissender sein als
dies flehende, mit einer gewissen lächelnden und doch schmerzlichen Selbstironie
hervorgebrachte: »O Gott!«, womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. »O
Gott!« Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Überwundensein, ihre Hingebung an die
Menschheit, an die sie glaubt, ausdrücken. Wer könnte widerstehen, wo solche
Töne anschlagen! Delphine ist so willenlos, dass sie die Beute jeder
prononcierten Absicht wird. Mit liebenswürdiger Naivetät gestand sie mir einst:
Sie würde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie nötig ist es, bei einer solchen
Willensschwäche, dass sie in die Hut eines Mannes kommt, der so viel geistiges
Leben besitzt, um sie ganz durchströmen zu können mit seiner eignen
Willenskraft! Delphine liebte unglücklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht,
ihre früheren Zärtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, dass sie
dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen muss. Delphine
besitzt äußerlich die Reize nicht, einen Mann auf die Länge zu fesseln, aber wer
sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen
können, weil ihre Hülflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet
sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hält einige Minuten lang die Dialektik eines
bloß verständigen logischen Gesprächs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen,
wenn es entweder auf einen gemütlichen und Gefühlston übergeht oder auf einen
bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Über einen Fall, den man ihr
bloß erzählt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen für gut hält und
alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel lesen. Sie liest, aber
fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lektüre darin zu
bilden suchen, was über die Musik und das bloße Gefühl hinausliegt. Ihr Organ
macht, dass sie schön, ihre keusche Seele, dass sie fast alles richtig liest. Ich
hörte sie Gretchen im »Faust« lesen, so wahr und hold, wie es der Peche in Wien
und Höffert in Braunschweig kaum gelingen möchte. Cäsar muss ihr Bücher geben.
Was er wohl über sie urteilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir
doch einmal: er müsse jede lieben, die ihn liebe, und würde auch jeder treu sein
in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwäche. Sie können sich
aber nicht begegnen. Delphine ist eine Jüdin.
Ich habe das gestern nur so hingeworfen, dass Delphine eine Jüdin ist. Aber
welche eigentümliche Richtung musste dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr
glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen
Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals.