was Du hier nicht zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich stachelte der Trieb, das geheimnisvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Jünglinge, über alles, was er nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon überzeugt, und will es auch Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung. Ich setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: »Ich will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen. Im letzten Falle lässt man sich beherrschen, im ersten bedeuten die angelegten Ketten wenig. Konventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell. Sie sind etwas, insofern sie einer Idee entsprechen; geht diese über sie hinaus, so zerfallen sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettläufer auch dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fuß ist schon gehoben, das Auge fasst sein Ziel, und er misst in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur da fest, wo ihn Trägheit bindet, oder Mangel eigener Kraft zum Nachgeben an eine fremde, überwiegende zwingt. Der Erdenfleck, wo er steht, verschlägt hierzu nichts.« Diese Worte, Hugo, sind mir unvergesslich geblieben, nicht sowohl ihrer Bedeutung wegen, denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau, und vieles klingt nur, weil es schallt, allein Dein Gesicht, Deine Gestalt machte in dem Augenblick einen besonderen Eindruck auf mich. Die Augen flammten Dir, Deine Stirn glänzte, um die Lippen spielte ein geistig Lächeln, Du schienst mir größer; ich glaubte, der Boden trüge Dich nicht mehr, und sah Dich schon in Gedanken in weiter Ferne, über die Berge, den Strom und das ganze Festland wegfliegen. Nun bist Du doch wohl eingewurzelt. Die Zeit hat Dir, wie manchen andern Freiheitskindern, die Flügel beschnitten. Dir ahndet selbst so etwas. Der Ton Deiner Briefe ist melancholisch. Du hattest immer einen gewissen Hang zu dieser Richtung der Empfindungen, die, wie alle Blüten eines schönen Frühlings, die Köpfe neigen, wenn der hohe Sommer heraufzieht. Bei Dir stand die Sonne schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte.