wie sie sich von Tag zu Tage vorwärts bewegt,
immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt sich mir gar manche Betrachtung
auf: über die Vor- und Rückschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur
sei hier ausgesprochen: dass wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft
nicht loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt, falsch
angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im Gange des
Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung folgerecht angeknüpft, richtig
abgeleitet wird. Das lässt man sich wohl gefallen, legt aber keinen besonderen
Wert darauf und lässt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen; und ich kenne ein
kleines Magazin von Irrtümern, die man sorgfältig aufbewahrt.
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung, so sieht
jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts und links nach Hülfsmitteln
um, damit er sich und andere bestärken möge. Des Wahren bedient man sich solange
es brauchbar ist; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche,
sobald man es für den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden,
als mit einem Lückenbüsser das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu
erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich darüber, und nun
macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort gegeben, ein solches Verfahren
niemals wieder aufzudecken.
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das
Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft. Folgt man der Analogie zu
sehr, so fällt alles identisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles
ins Unendliche. In beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als
überlebendig, das andere Mal als getötet.
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen;
jene bekümmert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht: woher? - Sie erfreut sich
am Entwickeln; er wünscht alles festzuhalten, damit er es nutzen könne.
Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst
verwebt: dass ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt; da doch jede
Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nächste ist und wir
von ihr fordern können, dass sie sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie
dringen.
Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur ist; daher
die Gebildeten es selbst nicht lassen können, wenn sie an Ort und Stelle
irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem Nächsten, sondern auch mit
dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhängen, woraus denn Irrtum über Irrtum
entspringt. Das nahe Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne
zusammen, dass sich alles auf wenige große