Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet, zu
seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn; der Maler
hingegen, der vom Theater auch wieder seinen Vorteil ziehen möchte, wird sich
immer im Nachteil finden und der Musikus im gleichen Falle sein. Die sämtlichen
Künste kommen mir vor wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft
geneigt wären, eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich
zuzueignen und zu verzehren Lust hätte. Das Theater ist in diesem Falle, es hat
einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als Kunst noch Handwerk,
noch als Liebhaberei verleugnen kann.«
Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf einmal
vergegenwärtigte sich ihm, was er auf und an den Brettern genossen und gelitten
hatte; er segnete die frommen Männer, welche ihren Zöglingen solche Pein zu
ersparen gewusst und aus Überzeugung und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise
gebannt.
Sein Begleiter jedoch ließ ihn nicht lange in diesen Betrachtungen, sondern
fuhr fort: »Da es unser höchster und heiligster Grundsatz ist, keine Anlage,
kein Talent zu missleiten, so dürfen wir uns nicht verbergen, dass unter so großer
Anzahl sich eine mimische Naturgabe auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt
sich aber in unwiderstehlicher Lust des Nachäffens fremder Charaktere,
Gestalten, Bewegung, Sprache. Dies fördern wir zwar nicht, beobachten aber den
Zögling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben wir uns mit
großen Teatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und senden einen bewährt
Fähigen sogleich dorthin, damit er, wie die Ente auf dem Teiche, so auf den
Brettern seinem künftigen Lebensgewackel und -geschnatter eiligst
entgegengeleitet werde.«
Wilhelm hörte dies mit Geduld, doch nur mit halber Überzeugung, vielleicht
mit einigem Verdruss: denn so wunderlich ist der Mensch gesinnt, dass er von dem
Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes zwar überzeugt sein, sich von ihm
abwenden, sogar ihn verwünschen kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche
Weise behandelt wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des
Widerspruchs, der in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in
solchem Falle.
Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: dass er mit einigem
Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen lässt. Hat er nicht auch in
vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet? und
könnte man ihn wohl überzeugen, dass dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine
fruchtlose Bemühung gewesen?
Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefühlen unwillig
uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm überrascht, da ihm
abermals einer von den Dreien, und zwar ein besonders zusagender, vor die Augen
tritt. Entgegenkommende Sanftmut, den reinsten Seelenfrieden