genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schön gebildet, zart vollbracht -
So von jeher hat gewonnen
Künstler kunstreich seine Macht.
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schönem schmückt
Und getrost der höchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.
Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehen,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Dass sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.
Tausendfach und schön entfliesse
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild genieße,
Dass ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Brüder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersäule vom Altar.«
Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich sehr
paradox und, hätte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmöglich scheinen musste.
Da man es ihm nun aber offen und frei, in schöner Folge vorwies und bekannt
machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um das Weitere zu erfahren; doch
enthielt er sich nicht, den Führenden zuletzt folgendermaßen anzureden: »Ich
sehe, hier ist gar klüglich für alles gesorgt, was im Leben wünschenswert sein
mag; entdeckt mir aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt für
dramatische Poesie aufweisen, und wo könnte ich mich darüber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebäuden um und finde keines, das zu einem solchen Zweck
bestimmt sein könnte.«
»Verhehlen dürfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen Provinz
dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine müßige Menge,
vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn
solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die
Grenze gebracht. Seid jedoch gewiss, dass bei unserer allgemein wirkenden Anstalt
auch ein so wichtiger Punkt wohl überlegt worden; keine Region aber wollte sich
finden, überall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern Zöglingen
sollte sich leicht entschließen, mit erlogener Heiterkeit oder geheucheltem
Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu
erregen, um dadurch ein immer missliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen?
Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm
ernsten Zweck nicht vereinen.«
»Man sagt aber doch«, versetzte Wilhelm, »diese weit um sich greifende Kunst
befördere die übrigen sämtlich.«
»Keineswegs«, erwiderte man, »sie bedient sich der übrigen, aber verdirbt
sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu dem Maler gesellt; der
Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft verloren.