. Wie
oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu
denken!
Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird,
ist Bildung.
Niemand würde viel in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewusst wäre, wie
oft er die andern missversteht.
Man verändert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr, weil man
sie nicht verstanden hat.
Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln,
erregt Widerwillen.
Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.
Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gespräch.
Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere
Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet.
Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was
sie lächerlich finden.
Das Lächerliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine
unschädliche Weise für die Sinne in Verbindung gebracht wird.
Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch
anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein.
Der Verständige findet fast alles lächerlich, der Vernünftige fast nichts.
Einem bejahrten Manne verdachte man, dass er sich noch um junge Frauenzimmer
bemühte. »Es ist das einzige Mittel,« versetzte er, »sich zu verjüngen, und das
will doch jedermann.«
Man lässt sich seine Mängel vorhalten, man lässt sich strafen, man leidet
manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie
ablegen soll.
Gewisse Mängel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es würde uns
unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten.
Man sagt: »Er stirbt bald«, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut.
Was für Mängel dürfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die den
andern eher schmeicheln als sie verletzen.
Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte.
Unsre Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der
neue sogleich wieder aus der Asche hervor.
Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung.
Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich.
Die Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts wäre die
Mittelstrasse vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen
die, die wir lieben.
Fünftes Kapitel
So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her.
Ihr Hofstaat vermehrte sich täglich, teils weil ihr Treiben so manchen erregte
und anzog, teils weil sie sich andre durch Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden
wusste. Mitteilend war sie im höchsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der
Tante und des Bräutigams soviel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen
war, so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu
kennen, die sich um sie gehäuft hatten