Gewissen begreift,
entsteht es. Könnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen?
Etwas Persönliches lässt sich nicht bestimmt abfragen.
Wie viel weniger also das Geheimnis der höchsten Unteilbarkeit. Lässt sich
Musik dem Tauben erklären?
Also wäre der Sinn ein Anteil an der neuen durch ihn eröffneten Welt
selbst? Man verstünde die Sache nur, wenn man sie hätte?
Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befasste
Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich
zu allen Welten. Aber alles hat seine Zeit, und seine Weise. Nur die Person des
Weltalls vermag das Verhältnis unsrer Welt einzusehn. Es ist schwer zu sagen, ob
wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Körpers wirklich unsre Welt mit
neuen Welten, unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren können, oder ob jeder
Zuwachs unsrer Erkenntnis, jede neu erworbene Fähigkeit nur zur Ausbildung
unsers gegenwärtigen Weltsinns zu rechnen ist.
Vielleicht ist beides Eins, sagte Heinrich. Ich weiß nur so viel, dass für
mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwärtigen Welt ist. Selbst das
Gewissen, diese Sinn und Weltenerzeugende Macht, dieser Keim aller
Persönlichkeit, erscheint mir, wie der Geist des Weltgedichts, wie der Zufall
der ewigen romantischen Zusammenkunft, des unendlich veränderlichen
Gesamtlebens.
Werter Pilger, versezte Sylvester, das Gewissen erscheint in jeder ernsten
Vollendung, in jeder gebildeten Wahrheit. Jede durch Nachdenken zu einem
Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung, zu
einer Verwandlung des Gewissens. Alle Bildung führt zu dem, was man nicht
anders, wie Freiheit nennen kann, ohnerachtet damit nicht ein bloßer Begrif,
sondern der schaffende Grund alles Daseins bezeichnet werden soll. Diese
Freiheit ist Meisterschaft. Der Meister übt freie Gewalt nach Absicht und in
bestimmter und überdachter Folge aus. Die Gegenstände seiner Kunst sind sein,
und stehen in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt.
Und gerade diese allumfassende Freiheit, Meisterschaft oder Herrschaft ist das
Wesen, der Trieb des Gewissens. In ihm offenbart sich die heilige
Eigentümlichkeit, das unmittelbare Schaffen der Persönlichkeit, und jede
Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen, einfachen,
unverwickelten Welt - Gottes Wort.
Also ist auch das was ehemals, wie mich däucht, Tugendlehre genannt wurde,
nur die Religion, als Wissenschaft, die sogenannte Theologie im eigentlichsten
Sinn? Nur eine Gesetzordnung, die sich zur Gottesverehrung verhält, wie die
Natur zu Gott? Ein Wortbau, eine Gedankenfolge, die die Oberwelt bezeichnet,
vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt? Die Religion
für das Vermögen der Einsicht und des Urteils, der Richtspruch, das Gesetz der
Auflösung und Bestimmung aller möglichen Verhältnisse eines persönlichen Wesens?
Allerdings ist das Gewissen, sagte