hatte, als mich
mitten in meinen zarten Gedanken und sinnreichen Gefühlen über den eben so
wunderbaren als verwickelten dramatischen Zusammenhang unsrer Umarmungen ein
ungebildeter und ungefälliger Zufall unterbrach, da ich eben im Begriff war, die
genaue und gediegne Historie unsers Leichtsinns und meiner Schwerfälligkeit in
klaren und wahren Perioden vor dir aufzurollen, die von Stufe zu Stufe allmählig
nach natürlichen Gesetzen fortschreitende Aufklärung unsrer den verborgenen
Mittelpunkt des feinsten Daseins angreifenden Missverständnisse zu entwickeln,
und die mannichfachen Produkte meiner Ungeschicklichkeit darzustellen, nebst den
Lehrjahren meiner Männlichkeit; welche ich im Ganzen und in ihren Teilen nie
überschauen kann, ohne vieles Lächeln, einige Wehmut und hinlängliche
Selbstzufriedenheit. Doch will ich als ein gebildeter Liebhaber und
Schriftsteller versuchen, den rohen Zufall zu bilden und ihn zum Zwecke
gestalten. Für mich und für diese Schrift, für meine Liebe zu ihr und für ihre
Bildung in sich, ist aber kein Zweck zweckmässiger, als der, dass ich gleich
anfangs das was wir Ordnung nennen vernichte, weit von ihr entferne und mir das
Recht einer reizenden Verwirrung deutlich zueigne und durch die Tat behaupte.
Dies ist um so nötiger, da der Stoff, den unser Leben und Lieben meinem Geiste
und meiner Feder gibt, so unaufhaltsam progressiv und so unbiegsam systematisch
ist. Wäre es nun auch die Form, so würde dieser in seiner Art einzige Brief
dadurch eine unerträgliche Einheit und Einerleiheit erhalten und nicht mehr
können, was er doch will und soll: das schönste Chaos von erhabenen Harmonien und
interessanten Genüssen nachbilden und ergänzen. Ich gebrauche also mein
unbezweifeltes Verwirrungsrecht und setze oder stelle hier ganz an die unrechte
Stelle eines von den vielen zerstreuten Blättern die ich aus Sehnsucht und
Ungeduld, wenn ich dich nicht fand wo ich dich am gewissesten zu finden hoffte,
in deinem Zimmer, auf unserm Sofa, mit der zuletzt von dir gebrauchten Feder,
mit den ersten den besten Worten, so jene mir eingegeben, anfüllte oder verdarb,
und die du Gute, ohne dass ich es wusste, sorgsam bewahrtest.
Die Auswahl wird mir nicht schwer. Denn da unter den Träumereien, die hier
schon, den ewigen Lettern und dir anvertraut sind, die Erinnerung an die
schönste Welt noch das gehaltvollste ist, und noch am ersten eine gewisse Art
von Ähnlichkeit mit den sogenannten Gedanken hat: so nehme ich vor allen andern
die dityrambische Fantasie über die schönste Situation. Denn wissen wir erst
sicher, dass wir in der schönsten Welt leben: so ist es unstreitig das nächste
Bedürfnis uns über die schönste Situation in dieser schönsten Welt durch andre
oder durch uns selbst gründlich zu belehren.
Dityrambische Fantasie
über die schönste Situation
Eine große Träne fällt auf das heilige Blatt, welches ich hier statt deiner
fand. Wie treu und wie einfach hast du ihn aufgezeichnet, den