mich. Ich kann es mir oft nicht vorstellen, dass die
Menschen nicht eben so dächten, eben so empfänden, als ich. Alles Große und
Schöne erregt ja ein so erhabenes Gefühl in uns, gefällt, so bald wir es
erkennen, und erzeugt das Verlangen, es zu erreichen.
Henr. Wohl wahr, meine Freundin, wenn alle Menschen so wie Du und ich Zeit
hätten, auf ihre inneren Gefühle zu merken. Wenn sie nicht vom Strome der
Leidenschaften und von tausend Begebenheiten hingerissen würden, welche es
ihnen. unmöglich machen, richtig zu urteilen; und wenn endlich, noch ehe sie
denken konnten, nicht schon ihr Geschmack eine falsche Richtung bekommen hätte,
wo sie nicht mehr fähig sind, weder das Schöne zu erkennen, noch Gefühl dafür zu
haben.
Elisa. (Mit einem Seufzer.) Ach, Henriette! so würde ich mich ja fast allein
in der Welt finden? so fände ich nicht Seelen, die mich verstehen, so müsste ich
einsam, von den Menschen entfernt, meine Tage zubringen?
Henr. Nein, ein so trauriges Bild wollte ich nicht in Dir erregen. Fliehen
sollst Du die Menschen nicht, nur keine überspannten Begriffe von ihrer Tugend
haben. Jede gute Seele wird Dich verstehen (und deren gibt es noch viele), wenn
Du nicht Vollkommenheit von ihnen heischest. Nein, die Tugend selbst hörte auf,
es zu sein, wenn sie nicht mit Menschen leben könnte; und welche gefühlvolle
Seele wünschte nicht lieber von Menschen hintergangen zu werden, als nur in sich
verschlossen zu leben?
Elisa. Ich fühle die Wahrheit Deiner Worte, auch erwarte ich nicht, mich in
jedem Menschen zu finden; aber es gibt doch deren gewiss, welche eben so denken,
eben so empfinden, als ich.
Henr. Weit entfernt sei es von mir, die menschliche Natur so zu erniedrigen,
um das Dasein schöner Seelen zu bezweifeln. Ja, sie sind noch, die, welche das
Gute nur um seiner selbst willen lieben, die uneigennützig edel handeln, die
Wohlwollen und Liebe für jedes Wesen empfinden.
Aber, ob Du sie antreffen wirst, Elisa? Ob sie sich nicht in der Menge
verlieren werden, und Du sie dann nicht wahrnimmst? Wer kann dir das
versprechen?
Elisa. Mein Herz! - Es wird sie finden!
Henr. Liebenswürdige Schwärmerinn! oft wirst Du glauben, sie gefunden zu
haben, und wirst dann trauern, wenn Du Dich hintergangen hast!
Elisa. (Sie umarmend.) Henriette, so wirst Du mir doch bleiben! aber warum
zerstörst Du immer die süßen Bilder meiner Einbildungskraft?
Henr. Weil es Bilder sind, und Du sie als Wirklichkeit betrachtest. Elisa,
ich schwärme vielleicht