Deine
Gedanken können dich zum Wahnsinn führen.«
Balder: »Vielleicht.«
»Vielleicht? - Und das sagst du mit dieser schrecklichen Kälte?«
Balder: »Warum nicht? - Der Mensch und sein Wesen sind mir in sich selbst so
unbegreiflich, dass mir jene Zufälligkeiten, unter welchen er so, oder anders
erscheint, sehr gleichgültig sind.«
»Gleichgültig? - Du bist mir fürchterlich Balder.«
Balder: »Dieses Gedankens wegen? - Es ist immer noch die Frage, ob ich beim
Wahnsinne gewinnen oder verlieren würde.«
»Diese dumpfe Unempfindlichkeit, jenes Dasein, das unter der Existenz des
Wurmes steht, diese wilde Zwittergattung zwischen Leben und Nichtsein wirst du
doch für kein Glück ausgeben wollen?«
Balder: »Wenn du dich glücklich fühlst, warum soll es der Wahnsinnige nicht
sein dürfen? - Er empfindet ebensowenig die Leiden der Natur, sein Sinn ist
ebenso für das, was mich betrübt, verschlossen, als der deinige; warum soll er
elend sein? - und sein Verstand -«
»Und dieses göttliche Kennzeichen des Menschen ist in ihm ausgelöscht? -
Oder findest du auch in der Sinnlosigkeit seine Wollust?«
Balder: »Seine Vernunft! - O William, was nennen wir Vernunft? - Schon viele
wurden wahnsinnig, weil sie ihre Vernunft anbeteten und sich unermüdet ihren
Forschungen überließen. Unsre Vernunft, die vom Himmel stammt, darf nur auf der
Erde wandeln; noch keinem ist es gelungen, über Ewigkeit, Gott und Bestimmung
der Welt eine feste Wahrheit aufzufinden wir irren in einem großen Gefängnisse
umher, wir winseln nach Freiheit und schreien nach Tageslicht, unsre Hand klopft
an hundert eherne Tore, aber alle sind verschlossen und ein hohler Widerhall
antwortet uns. - Wie wenn nun der, den wir wahnsinnig nennen -«
»Ich verstehe dich, Balder: weil unsre Vernunft nicht das Unmögliche
erschwingen kann, so sollen wir sie geringschätzen und ganz aufgeben dürfen.«
Balder: »Nein, William, du verstehst mich nicht. - Statt einer weitläuftigen
Auseinandersetzung meiner Meinung will ich dir eine kurze Geschichte erzählen. -
Ich hatte einen Freund in Deutschland, einen Offizier, einen Mann von gesetzten
Jahren und kaltblütigem Temperamente; er hatte nie viel gelesen oder viel
gedacht, sondern hatte vierzig Jahre so verlebt, wie sie die meisten Menschen
verleben; die wenigen Bücher, die er kannte, hatten seinen Verstand gerade so
weit ausgebildet, dass er eine große Abneigung gegen jede Art des Aberglaubens
hatte; er sprach oft mit Hitze gegen die Gespensterfurcht und andre ähnliche
Schwachheiten des Menschen. Diese Aufklärungssucht ward nach und nach sein
herrschender Fehler, und seine Kameraden, die ihn von dieser Seite kannten,
neckten ihn oft mit einem verstellten Wunderglauben,