menschlichen Geschlechte, und keiner weiß genau, was er von dem andern verlangt; die Menschen stehen sich wie zwei gedungene Heere gegenüber, die sich einander bekämpfen, ohne dass einer den andern kennt. Mag mein Leben doch recht prosaisch weiterlaufen, dieser Zweifel soll mich nun nicht mehr kümmern, denn ich werde es dann nur um so höher achten; mein Vater wünscht, dass ich heirate, damit er noch Enkel sieht, und ich will das auch bei der ersten Gelegenheit tun. Jene seltsamen Stimmungen, jene sonderbaren Exaltationen, mit denen uns Andrea bekannt machen wollte, sind der verbotene Baum im Garten des menschlichen Lebens. Was meinen Sie, Francesco, wollen wir uns nicht unter jene verachteten Spiessbürger einschreiben lassen? Wir laufen wenigstens mit der Menge, und können uns darum um so sicherer halten. 9 Francesco an Adriano Rom. Recht so, Adriano! Sie glauben nicht, in welche lustige Stimmung mich Ihr Brief versetzt hat. Es ist, als seh ich uns beide schon verheiratet, die Bräutigamswochen überstanden, und dann als gesetzte und wohlkonditionierte Ehemänner. Wir schließen den Roman unsers Lebens mit dieser alltäglichen, aber stets interessanten Entwickelung. - Ich glaube, Sie haben bei Ihrem Briefe eine Ahndung von meinem Zustande gehabt. Ich habe hier nämlich ein Frauenzimmer kennengelernt - ein Frauenzimmer - verlangen Sie keine Beschreibung von mir, denn die ist mir viel zu umständlich, aber wenn ich Ihnen sage, dass ich sie interessant finde, so hoffe ich, ich habe Ihnen damit alles gesagt. Man kann mir von einem Frauenzimmer alles mögliche erzählen, ein guter Freund kann mir ihre Schönheit, ihren Verstand, ihren Witz, ja sogar ihren Reichtum loben, ohne dass ich auf den Gedanken fallen werde, der gute Freund möchte sich vielleicht verheiraten: sobald er mir aber von einem Frauenzimmer sagt, es sei interessant, so fass ich ihn genauer ins Auge, ich betrachte alle seine Züge, um zu bemerken, in welcher Rücksicht er sich nachher als Ehemann verändern wird. Hab ich mir nun nicht schon seit meinem sechszehnten Jahre eine Menge von vortrefflichen Bemerkungen über die Frauenzimmer gemacht? Ich versichre Sie, wenn ich in irgendeiner Sache scharfsinnig bin, so ist es in den Beobachtungen, die ich Ihnen über die Weiber mitteilen könnte. Wenn ich manchmal alles für mich allein überlegte, so war ich hinlänglich überzeugt, nicht nur, dass mich keine mehr hintergehn würde, sondern dass auch nie irgendein weibliches Geschöpf eine große Gewalt über mich haben könnte. Die Probe nachher hat aber nie mit dem ausgerechneten Exempel zusammenstimmen wollen. Ich habe schon tausend Ausnahmen von meinen Regeln gemacht, ja mehr Ausnahmen als Regeln gefunden und nachher wieder eingesehn, dass meine Regel doch dauerhafter sei, als ich vermutet hatte.