unserm Kopfe das Privilegium erteilen, zu denken? Ich
könnte es niemals übers Herz bringen, irgendeinen Menschen auf eine ähnliche Art
zu beherrschen; ich würde mich vor mir selber schämen.
Hat denn nicht jede Schule und jede Sekte etwas sehr Verächtliches? Muss
jeder Stifter und jedes Oberhaupt einem Bärenführer gleichen, der seine
Untergebenen zu gewissen Künsten abrichtet, die sie nach seinem Belieben
wiederholen? Warum soll ich nun nicht so denken dürfen, wie mir der Kopf
gewachsen ist? -
Ich habe an Rosa geschrieben und ich bin auf die Antwort begierig.
4
Rosa an Francesco
Tivoli.
Sie haben mir durch Ihren Brief sehr weh getan, lieber Francesco. Soll ich Ihnen
sagen, dass Sie recht haben, soll ich den Versuch machen, Ihnen das Gegenteil zu
beweisen? Beides wag ich nicht. Schon seit lange bin ich von allen Seiten mit
Irrtümern und Zweifeln umgeben; ich kann keinen Schritt vor und keinen zurück
tun, ohne zu straucheln. Wie glücklich sind Sie und Adriano, da Sie sich so
ungebunden fühlen, da Sie überzeugt zu sein glauben!
Sie können sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen. In einer
Ungewissheit, dass ich darüber würfeln möchte, wie ich von Andrea denken soll,
bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen, bald von einem niedrigen Argwohn
angelockt - mir bewusst, wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel
ich ihm zu danken habe - o Francesco, es wäre um wahnsinnig zu werden, wenn man
diesen Gedanken nachhängen wollte. Was habe ich je gedacht, was nicht
ursprünglich aus Andreas Kopfe gekommen wäre? Ich fühle und bekenne meine
Schwäche. Sollte ich ihn aufgeben, so würde ich mit ihm alles dahingeben, was
mich zusammenhält, ich habe so vieles getan, um ihm nahezukommen, und alles
sollte nun vergeblich sein!
Und dann ist es unmöglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber glauben
Sie mir, es ist unmöglich. Wenn der Mensch wüsste, zu welchen Folgen ihn ein ganz
gleichgültig scheinender Schritt führen könnte, er würde es nicht wagen, den Fuß
aus der Stelle zu setzen.
Am wenigsten kann ich mir jene Lügen vergeben, die ich mir selber vorsagte;
in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das
Gewöhnliche auf eine seltsame Weise. Diese Übertreibung drückt mein Herz schwer
nieder, ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann, dass Andrea nicht in
einem hohen Grade Verehrung verdiene; wenn wir ihn auch nicht begreifen können,
so berechtigt uns das noch gar nicht, ihn gänzlich zu verwerfen.
Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiss, ob ich den Brief abschicken
sollte. Mögen Sie ihn indes nehmen, wie Sie wollen, bei einem billigdenkenden
Manne wird er mich entschuldigen