ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde. O ihr Menschenkenner! die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht, und dann mit euren armseligen fünf Spezien hineinaddiert und dividiert! Ihr wollt einen Aufriss von einem Gebäude machen, das ihr nicht kennt. Ich habe von je die freche Hand bewundert, die mit dem Rätselhaftesten und Unbegreiflichsten gewöhnlich so umgeht, wie ein Bildhauer mit seinem Marmor; er wird geschlagen und geschliffen, als wenn alle die heruntergerissenen Stücke nun wirklich von dem Wesen getrennt wären, und am Ende ein Bild daraus entstünde, wie man es zu seinem Wohlgefallen, oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte. Wenn nun plötzlich eine lange zurückgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zurückschiesst? O biete denn einmal im Moment der Überraschung deine Rednerkünste auf, suche die Schleuse, die ihn wieder zurückdrängt! - Dankt Gott, dass der Mensch die Konsequenz nicht hat, auf die ihr eure Berechnungen gründet, denn dadurch allein trifft er oft zufälligerweise mit euren Exempeln zusammen. Du sprichst über die Eitelkeit gut und richtig, weil Du über Dich selbst sprichst. Es ist gar nicht nötig, dass die Menschen aufrichtig sind, man findet ihre Meinung doch unter dem Wust von Lügen heraus. Aber glaube mir, dass bei Dir nur ein paar Zufälle nötig wären, um Dich aus Deiner Philosophie, oder Überzeugung oder Stimmung (nenn es wie Du willst) herauszuwerfen. Die meisten Menschen gehören gern zu irgendeiner Schule, alle Vorzüge und Vortrefflichkeiten ihrer Vorgänger ziehen sie dann stillschweigend auf sich, weil sie den Namen ihrer Anhänger tragen: sie haben es gern, wenn sie alle Meinungen und Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben, dass sie in vorkommenden Fällen nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen dürfen, um nicht im Zweifel zu bleiben, daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren Überzeugungen herauszuschrecken. Bei Lovell magst Du übrigens im ganzen recht haben, aber er ist auch unter den Menschen einer von denen, die ich die Scheidemünze nennen möchte. Er gehört nicht zu den freien Geistern, die jede Einschränkung der Seele verachten, er verachtet nur die, die ihm grade unbequem ist, und seine Verachtung ist dann Hass. Er findet sich und alles was er denkt, viel zu wichtig, als dass es nicht sehr leicht sein sollte, auch seine innersten Gedanken von ihrem Throne zu stoßen. Wenn er die Menschen aber wie vorübergehende Bilder, und ihre Gesinnungen, wie das zufällige Kolorit ansähe, dann sollte es Dir gewiss unmöglich werden, irgend etwas auf ihn zu wirken. Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere, nur will dies keiner von ihnen glauben. Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so entsteht