, wie
er es wünscht: ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein. Ich spreche mit
dem Franzosen französisch und mit dem Italiener seine Muttersprache; ebenso rede
ich mit jedermann nur die Meinungen, die er versteht, das heißt, die ich ihm
zutraue; ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrängen, sondern ich locke seine
Seele allgemach über seine Lippen, und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt
ins Ohr zurück. Welche Gesinnungen stehen dann in uns so fest und hell, um sie
fremden Gemütern aufzudrängen? Und wenn es der Fall sein könnte, wo finde ich
Brücken, um sie nach fremden Ufern hinüberzuschlagen?
So ging ich lange Zeit mit Lovell um, ich sprach mich ganz in ihn hinüber,
und er erstaunte nicht wenig über die Sympatie unsrer Seelen, und traute mir
nun jeden seiner flüchtigsten Gedanken, jede seiner seltsamen Empfindungen zu.
Diejenigen, die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte, hielt er bald von selbst
für unreif und töricht, dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir
auf, und dachte lange über den darin liegenden Sinn. In kurzer Zeit täuschte er
sich selbst so, dass er unsre Seelen für verschwistert hielt, nur dass ihm die
meinige einige Jahre voraus sei.
Nichts ist dem Menschen so natürlich, als Nachahmungssucht. Lovell ward in
einigen Monaten eine bloße Kopie nach mir. Jeder Ausspruch, jedes Wort, das wir
für klug nehmen, rückt an der Form unsrer Seele. Er verachtet jetzt tief alle
Meinungen, die seinen jetzigen widersprechen.
Die Eitelkeit ist gewiss das Seil, an welchem die Menschen am leichtesten zu
regieren sind; sobald man es nur dahin bringen kann, dass sie sich ihrer
gestrigen Empfindung schämen, handeln sie morgen gewiss anders; ein Freund oder
Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben, was er für groß hält, und morgen
suchen sie sich ihm in dieser Größe unvermerkt zu präsentieren. Die Sucht, sich
auszubilden, ist im Grunde nur die Sucht zu gefallen, und zuerst denen, die uns
umgeben; so formt sich der Mensch wider seinen Willen, und steht am Ende seiner
Wanderschaft schwer behangen mit einem Trödelkram erlogner Meinungen und
Gefühle.
Ich habe Dir meine Auslegung über Deine Ideen zu geben gesucht, und
überreiche Dir errötend meine Übung; eine Verbesserung von Dir wird mehr wert
sein, als mein ganzer Brief; nur lass mich es wissen, wo ich Dich vielleicht
missverstanden habe.
12
Andrea Kosimo an Rosa
Neapel.
Dein Brief hat mir gefallen, weiter kann ich Dir nichts sagen. Nicht eben
deswegen, weil ich so ganz Deiner Meinung beiträte, oder weil ich glaubte, dass
Du alles, was ich Dir neulich schrieb, ganz so, wie ich es wünschte, gefasst
habest, sondern weil