ich
hier zwischen so vielen andern würdigen Kunstwerken aufgestellt, und mich, den
die Natur zum Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwürdigen,
finde ich nun auch hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher
Gesellschaft!«
Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um ihren
kleinen Beschäftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Nathalien allein geblieben
war, musste ihr seine letzten Worte deutlicher erklären. Die Entdeckung, dass ein
schätzbarer Teil der aufgestellten Kunstwerke seinem Großvater angehört hatte,
gab eine sehr heitere, gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit
dem Hause bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem
Erbteile wieder. Nun wünschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat ihn, sich
noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die Nachbarschaft gerufen
worden, wieder zurückkäme. Man kann leicht denken, dass er derselbe kleine tätige
Mann war, den wir schon kennen, und dessen auch die Bekenntnisse einer schönen
Seele erwähnten.
»Da ich mich«, fuhr Wilhelm fort, »mitten in jenem Familienkreis befinde, so
ist ja wohl der Abbé, dessen jene Schrift erwähnt, auch der wunderbare,
unerklärliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders nach den seltsamsten
Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht geben Sie mir einige nähere
Aufschlüsse über ihn?«
Natalie versetzte: »Über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am genauesten
unterrichtet bin, ist der Einfluss, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er
war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, dass die Erziehung sich nur an die
Neigung anschließen müsse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er
behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts
tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe Man
gibt zu, pflegte er zu sagen, dass Poeten geboren werden, man gibt es bei allen
Künsten zu, weil man muss, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur kaum
scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn man es genau betrachtet, so wird
jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine
unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die
Menschen ungewiss; sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den
wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenständen, die
so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein
Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber
als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich
selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg,