. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich
nirgends anlehnen, und jedermann wird sich hüten, an ihn zu streichen; er
unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein stehenbleiben; denn
wie in jeder Kunst, also auch in dieser soll zuletzt das Schwerste mit
Leichtigkeit ausgeführt werden: so soll der Vornehme, ungeachtet aller
Absonderung, immer mit andern verbunden scheinen, nirgends steif, überall
gewandt sein, immer als der Erste erscheinen und sich nie als ein solcher
aufdringen.
Man sieht also, dass man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein
müsse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses Ansehen geben
können als Männer, warum Hofleute und Soldaten am schnellsten zu diesem Anstande
gelangen.«
Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm wieder
auf, indem er ihm über das Einzelne die feinsten Bemerkungen mitteilte und ihn
dergestalt ausstattete, dass er bei der Aufführung, wenigstens in den Augen der
Menge, einen recht feinen Prinzen darstellte.
Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen
mitzuteilen, die er noch allenfalls über ihn machen würde; allein ein
unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede kritische
Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine Weise gespielt, wie
man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war mit der Rolle überhaupt sehr
bekannt und hatte sie in den Proben gleichgültig behandelt; bei der Aufführung
selbst aber zog sie, möchte man sagen, alle Schleusen ihres individuellen
Kummers auf, und es ward dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in
dem ersten Feuer der Empfindung hätte denken können. Ein unmässiger Beifall des
Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bemühungen, aber sie lag auch halb
ohnmächtig in einem Sessel, als man sie nach der Aufführung aufsuchte.
Serlo hatte schon über ihr übertriebenes Spiel, wie er es nannte, und über
die Entblössung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch mehr oder
weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen Unwillen zu erkennen
gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte, mit den Zähnen geknirscht und mit
den Füßen gestampft. »Lasst sie!« sagte er, als er sie von den übrigen umgeben in
dem Sessel fand, »sie wird noch ehstens ganz nackt auf das Theater treten, und
dann wird erst der Beifall recht vollkommen sein.«
»Undankbarer!« rief sie aus, »Unmenschlicher! Man wird mich bald nackt dahin
tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!« Mit diesen Worten sprang
sie auf und eilte nach der Türe. Die Magd hatte versäumt, ihr den Mantel zu
bringen, die Portechaise war nicht da; es hatte geregnet, und ein sehr rauer
Wind