;
beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein, nur müssten sie sich in den Grenzen
ihrer Gattung halten.
»Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren darüber«, versetzte Wilhelm.
»Wer ist es auch?« sagte Serlo, »und doch wäre es der Mühe wert, dass man der
Sache näher käme.«
Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich war folgendes ungefähr
das Resultat ihrer Unterhaltung:
Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der
Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußern Form, nicht
darin, dass die Personen in dem einen sprechen und dass in dem andern gewöhnlich
von ihnen erzählt wird. Leider viele Dramen sind nur dialogierte Romane, und es
wäre nicht unmöglich, ein Drama in Briefen zu schreiben.
Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden;
im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muss langsam gehen, und die Gesinnungen
der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des
Ganzen zur Entwicklung aufhalten. Das Drama soll eilen, und der Charakter der
Hauptfigur muss sich nach dem Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der
Romanheld muss leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem
dramatischen verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Klarisse, Pamela, der
Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende, doch
retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden gewissermaßen nach ihren
Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der Held nichts nach sich, alles
widersteht ihm, und er räumt und rückt die Hindernisse aus dem Wege oder
unterliegt ihnen.
So vereinigte man sich auch darüber, dass man dem Zufall im Roman gar wohl
sein Spiel erlauben könne, dass er aber immer durch die Gesinnungen der Personen
gelenkt und geleitet werden müsse; dass hingegen das Schicksal, das die Menschen,
ohne ihr Zutun, durch unzusammenhängende äußere Umstände zu einer unvorgesehenen
Katastrophe hindrängt, nur im Drama stattabe; dass der Zufall wohl patetische,
niemals aber tragische Situationen hervorbringen dürfe; das Schicksal hingegen
müsse immer fürchterlich sein und werde im höchsten Sinne tragisch, wenn es
schuldige und unschuldige, voneinander unabhängige Taten in eine unglückliche
Verknüpfung bringt.
Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen Hamlet und auf die
Eigenheiten dieses Stücks. Der Held, sagte man, hat eigentlich auch nur
Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm stoßen, und deswegen hat das
Stück etwas von dem Gedehnten des Romans; weil aber das Schicksal den Plan
gezeichnet hat, weil das Stück von einer fürchterlichen Tat ausgeht, und der
Held immer vorwärts zu einer fürchterlichen Tat gedrängt wird, so ist es im
höchsten Sinne tragisch und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.
Nun sollte Leseprobe gehalten werden,