dich lehren alte Leute wie Kinder anführen!« rief Serlo dagegen, sprang auf, fasste sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuss, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich abzwingen ließ. Über dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit Verdruss auf. Sechstes Kapitel Obgleich bei der neuen Bearbeitung Hamlets manche Personen weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch groß genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen. »Wenn das so fortgeht«, sagte Serlo, »wird unser Souffleur auch noch aus dem Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur Person werden.« »Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert«, versetzte Wilhelm. »Ich glaube nicht, dass es einen vollkommenern Einhelfer gibt«, sagte Serlo. »Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Theater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen Teil seiner Rolle der Schauspieler vollkommen innehat, und ahnt von weitem, wenn ihn das Gedächtnis verlassen will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit Glück; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen würden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stücken, dass er patetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht.« »So wie er mich«, sagte Aurelie, »mit einer andern Sonderbarkeit einst an einer sehr gefährlichen Stelle steckenliess.« »Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich?« fragte Wilhelm. »Er wird«, versetzte Aurelie, »bei gewissen Stellen so gerührt, dass er heiße Tränen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt; und es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden Stellen, die ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich so ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen der reine Geist des Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei denen wir andern uns nur höchstens freuen, und worüber viele Tausende wegsehen.« »Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem Theater?« »Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schließen ihn von der Bühne, und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus«, versetzte Serlo. »Wieviel Mühe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu gewöhnen! aber vergebens. Er liest vortrefflich, wie ich