dass er je länger je bewährter werden sollte, je
länger je unrichtiger und unsicherer, besonders wenn er mündlich fortgewälzt
wird, obgleich er zusehends anschwillt; - der Schneeberg wird zu Wasser, sobald
die Sonne der Kritik wirkt. Je mehr Körper, heißt es auch hier, desto weniger
Seele. - Man knetet die Geschichtsmasse erst durch und lässt sie aufgehen und
ausbacken, ehe sie gegessen werden kann. Die Folgen freilich sind hör- und
sichtbar, obschon auch hier, wenn gleich alles offen da zu liegen scheint und
der Aufrichtigkeit kaum auszuweichen ist, Künste gesucht werden; die Ursache
aber wird nicht gesehen, nicht gehört, sondern herausgedacht. Sehen und Hören
sind die historischen Sinne; kann man aber ohne Vernunft hören und sehen? - das
heißt: menschlich sehen und hören? Zwar können allgemeine Untersuchungen über
historische Dinge angestellt werden; wird aber nicht jeder diese Untersuchungen
anders führen, jeder die Resultate anders abziehen und jeder anders auf- und
annehmen oder glauben? Wenn der Historiker die höchste Glaubwürdigkeit
herausbringen will, so bezieht er sich auf Aktenstücke; und nun sagt,
Aktenfabrikanten, was täglich, was stündlich bei euch vorfällt! Wenn eine
Wachtparade von Zeugen die Finger gen Himmel präsentirt und mit Leib und Seele
versichert, die reinen Umstände über etwas abzugeben, das vor ihren sichtlichen
Augen vorging - was ist das Ende vom Liede? Stimmen die Aussagen der Zeugen,
wenn sie gleich sogar Sanctionen ihres Gewissens waren, mit Zeit, Ort und andern
Datis und unter einander? Widerspruch über Widerspruch, ohne dass man der
Ehrlichkeit und dem guten Willen dieser Menschen zu nahe zu treten im Stande
ist! - Und dann Worte! In ihrer Natur liegt schon so viel Stoff zur
Unrichtigkeit, dass sie an sich verfälschte Gedanken sind. - Gedanken sind das
rohe Material, Worte sind Fabrikate. - Noch besser: Worte und Geld sind einer
und derselben Natur. Wenn die Sprache der eiskalten Vernunft, die Memento mori
der philosophischen Kartäuser je die Sprache des gemeinen Lebens werden könnte
- würde mehr Wahrheit in der Welt sein? - würde die Menschheit selbst an
Moralität gewinnen? - Verlieren würde sie durch diese Haarfeinheit, durch diesen
unnatürlichen, klösterlichen Zwang, durch diese Kopfhängerei. Wohl uns, dass
jetzt in die Kreuz und in die Quer gedacht, geglaubt und geredet wird! dass
Weisheit, Ernst und Strenge, Torheit, Schönheit und Hässlichkeit, gerade und
krumme Linien in- und durcheinander laufen! In allem, was Lachen verursacht (und
Gott erhalt' uns doch bei dieser doppelten Schnur, bei dieser
Zwerchfellserschütterung und Seelenmotion!), liegt eine Unrichtigkeit,
Karricatur, ein Überschritt des Charakters, und wo ist der Mensch, der von
aller Erb- und wirklichen Karricatur befreit wäre?