hat dich gezeugt! Jetzt scheint mir der gute
Mann nicht mehr so finster, seine Zärtlichkeit wirkt übernatürlich auf mein
Herz. Er zürnt nicht mehr, und fährt mich auch nicht mehr so hizig an. Wenn
schon mein ganzes Wesen ihm zu lebhaft scheint, so lächelt er und zankt nicht.
Mich dünkt es, als ob er sich über meine Haspelei freute, und, wenn ich mich
nicht irre, so sieht er meine Lebhaftigkeit für eine gute Grundlage an. Mehrmal
nennt er mich einen kleinen Husar, und ich säume gar nicht, diesen Namen zu
verdienen. Zu Dir im Vertrauen! Oft dacht ich bei mir selbst: ein wakrer Junge
möchte ich gar zu gerne sein! Das ist ein Wunsch, den ich beständig im Kopf
herumjage und dessen Grund ich kaum angeben kann. Wenn ich mich oft so selber
frage: warum? dann bleibt meine Antwort über dem Zwang unsres Geschlechts
stehen. Kann etwas Unbemerkteres auf der Welt sein, als ein Weibergeschöpf, und
gibt es was Elenderes, wenn sie zu stark bemerkt wird? Sind wir nicht ein
wahres Schlachtopfer eines gewissen Vorurteils, und ist dieses Vorurteil bei
unsrer Erziehung nicht nötig um unsre Eitelkeit zu schrökken und der Männer
Herrschsucht ihr Opfer zu bringen? Das ist doch allerliebst! Was uns zum Laster
angerechnet wird, das ziert ihre Freiheit, und wenn es ihnen gleichwohl keinen
Ruhm macht, so bestraft oder beschnarcht sie doch Niemand darüber, am wenigsten
aber sie sich selber untereinander. Sie reizen uns zu Fehltritten, wir geben
ihnen Gehör, und wenn es alsdann fehlschlägt, so fällt die ganze Last nur auf
uns. Sie nennen uns schwach, und wir sind doch in gewissen Fällen weit stärker
als sie. Überhaupt finde ich sie in vielen Stükken äußerst ungerecht, und gäbe
es unter uns nicht so viele leere, hirnlose Puppen, ich würde die erste Rebellin
werden, alle andere zur gesunden Vernunft aufzuhezzen. Dass man uns so fad
erzieht, und dass sich so wenige von uns auszeichnen und zu regieren wissen, das
mag wohl die Ursache eines so strengen Gesezzes sein; und da haben die Männer
Recht. Denn dumme Weiber sind oft aus Notwendigkeit tugendhaft, und gescheide
Weiber schweifen aus Eitelkeit aus. Bei einem andern Anlass ein Mehreres über
diesen Punkt. Gute Nacht, Liebe!
Amalie.
VI. Brief
An Amalie
Lose Freundin, schon wieder kein Mittelweg! Wie reimen sich wohl deine leztern
Briefe mit den übrigen? - Meine Lage ist anders, also auch andere Briefe: wirst
Du sagen. Ja ja! Aber lauter, lauter Extreme in allen Sachen. Doch um deine
Briefe zu beantworten: Dein Vater hat also seinen Wohnort geändert? Nu, das mag
gut gehen, nur wünscht ich, dass er